An F.

Du warst einer der ersten, die mich faszinierten. Wir begegneten uns immer im Chat. In „Fremder steckt in ihr.“ Es dauerte nicht lange, bis wir zu msn umzogen. Damals, Ende 2011, fing mein Herz an zu hüpfen, sobald dein Name rechts in der Leiste auftauchte, wenn ich morgens online war. Die zwei Herzchen daneben. Dann bei msn die Worte „Hey Baby“. Nur dir habe ich jemals erlaubt, mich „Baby“ zu nennen, denn es passte. Dass du einer der attraktivsten Männer bist, die mir je untergekommen sind, spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Das Hochziehen deiner Augenbraue oder das Krümmen zweier Finger, wenn du an deiner Cam vorbei gingst, um draußen eine zu rauchen, machten dich noch viel attraktiver. Wir redeten über unsere Jobs, unsere Werte, über Sex. Mit dir und für dich tat ich Dinge am Telefon, die mir damals noch fremd waren. DU hast wesentlich dazu beigetragen, dass ich die Frau wurde, die ich jetzt bin.

Vor allem deinetwegen buchte ich das Hotelzimmer, in dem ich 4 Tage lang meine Träume erfüllte. Alles sollte richtig sein, für dich bereitete ich mich akribisch vor. Den Kuss hast du mir damals verweigert. Es dauerte keine halbe Stunde. Ich nahm es hin, weil ich erwartete, es sei nicht das letzte Mal gewesen. Immer wieder sprachen wir darüber, wann du dich würdest wegstehlen können, wann ich in deiner Nähe sein würde. Es tat uns beiden weh, dass es so schwierig war und wir viele Gelegenheiten verstreichen lassen mussten.

Wenn du anriefst, ließ ich alles stehen und liegen, sogar bei der Arbeit. Deine Stimme zu hören, die gezielten Worte – all das schoss in mich wie ein Blitz, so dass ich alles vergaß. Niemand konnte mich auf diese Art so sehr und so schnell erregen wie du. Auf dich schien es nicht minder zu wirken. Immer und immer wieder. Deine Schreie am Telefon sind etwas, das ich nie werde vergessen können und wollen.

Als es mir leichter war, für ein paar Tage oder auch nur eine Nacht in deine Nähe zu kommen, buchte ich wieder ein Zimmer. Alles stand fest, ich war vorfreudig wie nie. Dass du so beleidigt reagieren würdest, als ich dir von meinem tollen Abend berichtete, während die Jungs noch duschten, hätte ich damals nicht gedacht. Wofür ich dich denn bräuchte, du seist doch nichts besonderes für mich. Ob du es nicht glauben wolltest oder konntest, ist jetzt nicht mehr wichtig. Enttäuscht. Ich musste das Zimmer stornieren, du hast zwei Tage später deine Entscheidung bereut, hattest vermutlich etwas begriffen in der Zwischenzeit. Die Chance war vertan, es tat dir leid, das weiß ich. Meine Enttäuschung konnte das nicht abmildern. Wir zerfleischten uns deswegen. Telefonierten weiter. Schrieben uns. Die übertragenen und gespeicherten Verläufe über Tage hinweg habe ich in der Zwischenzeit wieder gelöscht, weil sie nicht mehr annähernd spüren ließen, was wir beim Schreiben spürten. Magische Anziehungskraft war das Schlüsselwort.

Dann war da wieder ein Plan. Dir lief die Zeit weg, weil du dir ein Limit gesetzt hattest. Diesmal sollte es gelingen, du reserviertest das Zimmer. Ich war frei, die Last war aus dem Weg. Es wäre der perfekte Abschluss eines Jahres gewesen. Tagelang schrieben wir uns heiß. Du versprachst mir Küsse! Bis Worte kamen, die mir einen scharfen Stich versetzten, mir aus Enttäuschung scheinbar den Boden wegzogen. „Es geht nicht.“ Sie habe etwas gemerkt, weil du so euphorisch warst. Du könntest das nicht tun, wolltest die Ehe nicht aufs Spiel setzen. Dies wollte ich ebenso wenig, denn bis dahin hatte ich dich auf eine Weise gern gewonnen, dass ich wirklich wirklich wirklich wollte, dass du glücklich bist. Eine Zukunft hätten wir ohnehin nicht gehabt, es ging uns nur um die Gegenwart. Um Minuten, Stunden. Nichtmal Tage.

Dies war das Ende aller Planungen. Du weißt nicht, wie ich auf Enttäuschungen reagiere, darum weißt du auch nicht, dass ich in mir Hebel und Schalter stelle, um dies ein weiteres Mal zu vermeiden. Ich ließ dich los. Konnte dies auch, bis du mir aus heiterem Himmel Monate später wieder schriebst. Ein kurzes Aufflackern der Anziehungskraft, welches ich wieder löschte. Ich wollte, dass du glücklich bist, vor allem in deiner jetzigen Familienkonstellation. Verabschiedete mich. Nicht nur, um uns beide vor weiterer Frustration zu schützen, sondern auch, weil ich es konnte!

Nun kommst du an, viele Monate später und schreibst etwas von Seelenverwandtschaft. Davon, mich aus einem anderen Leben zu kennen. Dass wir bitte weiter Freunde sein sollten. Ich kann nicht einfach nur mit dir befreundet sein, F. Ich liebte dich und durfte das nie aussprechen.

Lassen wir es, wie es ist.

Süße Begegnung

Ewig war ich nicht mehr in der Systemgastronomie, der gesunden Ernährung wegen. Aber heute muss ich nach der Arbeit erstmal in Ruhe runter kommen, Abstand finden, bevor ich mein Zuhause besuchsfertig mache.

Der junge Mann hinter dem Tresen (Anfang bis Mitte 20) strahlt mich an. Und da sage ich, weil es nicht anders geht: „Wow, was für ein Strahlen, das ist ja toll!“ Da strahlt er gleich noch mehr.

Früher hätte ich das zwar gedacht, aber nicht offen gesagt. Schon gar nicht dem, dem es galt. Heute muss ich sagen, was mir gefällt. Weil es mich so ausfüllt, dass es irgendwie aus mir raus läuft. Verbal. Komplimente müssen ausgesprochen werden, auch für das Kleid, das die andere Kundin beim Shoppen trägt, weil es einfach schön aussieht. Für die Frau, die im süßen Kleid und High Heels über den Flohmarkt läuft, ich ziehe verbal vor ihr den Hut, dass sie das tut und dabei klasse aussieht.

Ich nehme das große Menü, weil es dazu den Salat gibt. Der Salat ist nicht da, muss frisch gemacht werden. „Den Salat bringe ich Ihnen zum Tisch“, strahlt er mich an. „Oh, gerne!“, strahle ich zurück. Als er es dann tut, strahlt er mich an.

Das muss ich gleich per Whatsapp meinem Liebsten mitteilen. Es strahlt so sehr um mich und in mir, dass ich es teilen muss. Eine Begegnung, die den Tag dreier Menschen auf einmal versüßt. Ich esse. Und wenn ich zum Tresen rüber sehe, sehe ich, wie er weiter strahlt.

So eine Cola ist Arbeit für mich, 0,4 schaffe ich nicht während des Essens, ich bin Kohlensäure kaum noch gewohnt. Also setze ich mich damit nach draußen, frische Luft, ein bisschen in der Gegend herum schauen. Strahlemann muss einem anderen Kunden etwas nach draußen bringen und strahlt mich an.

Mann, da sitze ich Swingerin. Mag solche Typen, will ihn für sein Strahlen mit meiner Nummer belohnen. Einen Kuli habe ich, aber keinen Notizblock. Naja, die Serviette würde auch gehen. Aber was, wenn er mich dann doch nicht anruft? Was, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen und er zwar schnuckelig, aber dämlich ist? Was, wenn er eine Freundin hat? Das wäre mir zwar egal, aber ihm vermutlich nicht, und dann würde ich ihn in Verlegenheit bringen. Was, wenn ihm private Kontakte zu Gästen strengstens untersagt sind? Was, wenn ihn die Kollegen damit aufziehen, warum ihm die alte Schachtel was gegeben hat?

Also verdränge ich den Gedanken daran. Beim Herausgehen stelle ich mich nochmal an den Tresen und sage: „Ich hätte gerne noch ein Lächeln to go.“ Er schenkt es mir strahlend.

Morgen ist eine Woche rum. Ich schau mal, ob er dann wieder Schicht hat.