Süße Begegnung

Ewig war ich nicht mehr in der Systemgastronomie, der gesunden Ernährung wegen. Aber heute muss ich nach der Arbeit erstmal in Ruhe runter kommen, Abstand finden, bevor ich mein Zuhause besuchsfertig mache.

Der junge Mann hinter dem Tresen (Anfang bis Mitte 20) strahlt mich an. Und da sage ich, weil es nicht anders geht: „Wow, was für ein Strahlen, das ist ja toll!“ Da strahlt er gleich noch mehr.

Früher hätte ich das zwar gedacht, aber nicht offen gesagt. Schon gar nicht dem, dem es galt. Heute muss ich sagen, was mir gefällt. Weil es mich so ausfüllt, dass es irgendwie aus mir raus läuft. Verbal. Komplimente müssen ausgesprochen werden, auch für das Kleid, das die andere Kundin beim Shoppen trägt, weil es einfach schön aussieht. Für die Frau, die im süßen Kleid und High Heels über den Flohmarkt läuft, ich ziehe verbal vor ihr den Hut, dass sie das tut und dabei klasse aussieht.

Ich nehme das große Menü, weil es dazu den Salat gibt. Der Salat ist nicht da, muss frisch gemacht werden. „Den Salat bringe ich Ihnen zum Tisch“, strahlt er mich an. „Oh, gerne!“, strahle ich zurück. Als er es dann tut, strahlt er mich an.

Das muss ich gleich per Whatsapp meinem Liebsten mitteilen. Es strahlt so sehr um mich und in mir, dass ich es teilen muss. Eine Begegnung, die den Tag dreier Menschen auf einmal versüßt. Ich esse. Und wenn ich zum Tresen rüber sehe, sehe ich, wie er weiter strahlt.

So eine Cola ist Arbeit für mich, 0,4 schaffe ich nicht während des Essens, ich bin Kohlensäure kaum noch gewohnt. Also setze ich mich damit nach draußen, frische Luft, ein bisschen in der Gegend herum schauen. Strahlemann muss einem anderen Kunden etwas nach draußen bringen und strahlt mich an.

Mann, da sitze ich Swingerin. Mag solche Typen, will ihn für sein Strahlen mit meiner Nummer belohnen. Einen Kuli habe ich, aber keinen Notizblock. Naja, die Serviette würde auch gehen. Aber was, wenn er mich dann doch nicht anruft? Was, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen und er zwar schnuckelig, aber dämlich ist? Was, wenn er eine Freundin hat? Das wäre mir zwar egal, aber ihm vermutlich nicht, und dann würde ich ihn in Verlegenheit bringen. Was, wenn ihm private Kontakte zu Gästen strengstens untersagt sind? Was, wenn ihn die Kollegen damit aufziehen, warum ihm die alte Schachtel was gegeben hat?

Also verdränge ich den Gedanken daran. Beim Herausgehen stelle ich mich nochmal an den Tresen und sage: „Ich hätte gerne noch ein Lächeln to go.“ Er schenkt es mir strahlend.

Morgen ist eine Woche rum. Ich schau mal, ob er dann wieder Schicht hat.

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