Siebenhundert Kilometer

Das ist weit. Auch und erst recht für ein Date.

Es soll hier aber nicht nur darum gehen, dass es mir schmeichelt, dass er so weit für mich gefahren ist. Sondern darum, dass es ein für mich besonderes und außergewöhnliches schönes und nahes Treffen war. Eines, dem tiefe Gespräche voran gingen, ungewohnte Telefonate, das Wissen, wie bedürftig nach Liebe er ist. Eines, bei dem ich ihn vom Bahnhof abholte (das nächste Mal nimmt er das Auto, um sich nicht über Nachtzüge und eine Stunde Zwangsaufenthalt ärgern zu müssen). Wo ich ihn derart nervös empfing, dass mir sogar entging, dass sich ihm bei meinem Anblick vor Vorfreude ein Ständer in der Hose bildete. Wo er derart nervös war, dass er mir nur einen Kuss auf die Stirn drückte, obwohl er mich gerne herumgewirbelt hätte.

Die Nervosität, dass ich mit jemandem mehr als einen Tag bei mir zuhause verbringen würde, ließ mich zuhause erstmal dummes Zeug reden, ihm einen Kaffee anbieten. Während ich diesen aufsetzte, dachte ich  – ach nee, erstmal einen Kuss. Das öffnete Schleusen. Im wahrsten Sinne. (Beim nächsten Mal verzichte ich auf das dumme Zeug und den Kaffee als erste Priorität.)

Zwei Minuten später landeten wir im Schlafzimmer. 15 Minuten später steckte seine Hand in mir. („Woher hast du das gewusst?“ -„Ich wusste es nicht. Aber ich hatte das Bedürfnis danach. Du warst so einladend.“) 30 Minuten später war die obere Hälfte meines Bettes nass. Ich hörte nicht auf, zu spritzen. Nichtmal, als er mit seinem beachtlich dicken Schwanz in mir steckte, wobei schon der Gedanke an diesen, das innere Bild, mich wahnsinnig machte. Anderthalb Stunden später, nach einem kurzen und erholsamen Schläfchen, bekamen wir endlich unseren Kaffee.

Das Bett abgezogen, Nässe weg, neues Laken drauf. Sinnliche Massage. Das Öl hat er hier gelassen, er habe sonst keine Verwendung dafür. Es zog in meine Haut ein, so wie ich kurze Zeit später wieder ihn in mich zog. Immer und immer wieder. All das hätte mich schon sagen lassen, dass es sich gelohnt habe. Dass ich ihn wieder einmal haben wollte. Genau so, wie er ist und wie er tut, was er mit mir tut. Kräftig. Ernst. Ganz bei mir.

Eine Dusche. Ein Spaziergang. Ein Abendessen im Straßencafe. Ein Gespräch über seinen Kummer. Viel Kummer. Antworten, dass seine Sorgen und seine Schuld und seine Scham für mich nicht sichtbar seien, sondern nur sein Verhalten. Und das sei liebenswert. Mehr Spazieren gehen. Händchen halten. Auf dem Dach ein Feuerwerk beobachten („Ich habe da was anlässlich deines Besuches vorbereitet…“) Ihm per DVD eine Comedytruppe näherbringen, die er nicht kannte. Gespräch über seine Sorgen. Gute Antworten geben. Liebevoller Sex und danach im selben Bett einschlafen.

Im selben Bett aufwachen. Er war nicht so störend, wie ich es vorher für möglich gehalten hatte. Ja, da liegt ein Mann in meinem Bett, den ich gern habe, den ich hier versorge. Mit Brötchen, die ich frisch holte und ihn allein in meiner Wohnung ließ. („Du kannst mir vertrauen!“ – „Tu ich. Sonst wärst du nicht hier.“) Mit einem Luxusfrühstück, wie es bei mir sonntags üblich ist. Mit weiterem atemberaubendem, unvergesslichem, wildem, fantasievollem Sex. Mit weiteren, sehr tiefen und nahen Gesprächen über unsere Vergangenheit, unsere Entwicklung, unseren Weg, unsere Unzulänglichkeiten.

Wenn wir jetzt telefonieren, dann wissen wir, wovon wir sprechen. Wir teilen Erinnerungen, echte Nähe. Dann geht sogar Telefonsex, weil wir uns noch spüren und sehen können.

„Du bist mir sehr wertvoll geworden. Darum nehme ich Abstand. Es würde uns trennen.“ Das ist das Los, wenn man jemanden gern hat, der sich nur zwischen den Polen totale Selbstabwertung und narzisstische Großartigkeit bewegt. Wir werden das so ähnlich wiederholen. Werden weiterhin schreiben und reden. Guten Sex miteinander haben. Gern haben kann ich ihn trotzdem. Denn gottseidank trennen uns 700 km.

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