Von O bis O

In den letzten Jahren war Reifenwechsel kein Problem. Schatz machte das, während ich schon was Leckeres kochte. Aber in diesem Jahr… war es kompliziert. So kompliziert, dass ich mir lieber jemand anderen dafür suchte. Ist wieder alles in Ordnung, keine Sorge, aber ich machte mir schon einen Kopf darum, ob ich die Räder ins Auto wuchten und zur Werkstatt fahren müsste.

Dann aber brachte mich eine Mitchatterin auf eine Idee. Eine Dame, die immer wieder aufruft, sie suche einen Reifen, Intelligenten, Stilvollen Mann. Alle Entgegnungen (nicht nur von mir), dass sie auf das Gesuch nicht den passenden finden würde, solange sie alles große schreibe, verpufften. Oder mündeten in beleidigten und unsouveränen Reaktionen.

Jedenfalls verkündete ich dann laut, auch einen Reifenmann zu suchen. Alter egal, er müsse nur in Besitz eines Wagenhebers und eines Radkreuzes sein. Vergebens. Alle, die sich meldeten, wollten und konnten eigentlich keine Reifen wechseln, sondern nur Rohre verlegen.

Andere Plattform: ein kurzer Mailverkehr mit einem höflichen, jungen Bengel mit sehr nettem Foto, auf dem er lächelte. Die Frage nach einem Kennenlern-Date stand im Raum. „Kannst du Reifen wechseln?“ – „Da hast du genau den Richtigen gefunden!“  Der 1. November ein Tag, an dem wir beide frei haben würden: perfekt! Der junge Mann aus der letzten Geschichte reagierte auf meine Ankündigung, ich hätte einen Reifenmann gefunden mit „Wehe, der macht das nicht richtig! Sonst werde ich ihn suchen. Und ich werde ihn finden!“ Wie sich später herausstellte, hat Reifenmann am Tag unseres Dates zuvor seine eigenen und die Räder seines Vaters gewechselt. Und auch sonst verbringt er einen großen Teil seiner Freizeit mit Schrauben.

Zur vereinbarten Zeit wartete ich draußen, um ihn in die Tiefgarage zu lassen. (Albernen Höhö-Reaktionen an dieser Stelle antworte ich mit einem müden Lächeln.) Es fing an zu regnen. Da kam ein Wagen, fuhr in falscher Richtung in eine Einfahrt – Einbahnstraße – und schien dort parken zu wollen. Laufender Motor, Licht an. Fuhr wieder raus, drehte. Kurbelte die Scheibe herunter, ich schaute rein – nein, das bist du nicht. Jung auch, Migrationshintergrund auch, aber anderes Gesicht. Er: „Musst du irgendwo hin?“ -„Nein, ich warte auf jemanden.“-„Ach so, weil du hier im Regen stehst…“ Als er weg fuhr, war es schon 10 Minuten über der Zeit, ich schaute nach, ob eine Mail eingegangen war. Nö. Also schrieb ich, ich hätte mich wohl geirrt. Sofortige Antwort: er komme gleich.

Warm war er, als er aus dem Auto stieg, und mir war im Regen kalt geworden. Jedenfalls war ich erleichtert, dass nun doch etwas aus unserem Date wurde, öffnete die Tiefgarage, und wir machten uns an die Arbeit. Irgendwie dauerte das nicht so lange wie bei Schatz, der junge Mann war wirklich in Übung…

Im Wohnzimmer ein Erfrischungsgetränk, ein Kuss zum Dank, mehr Küsse, aufeinanderkleben, fummeln, in Wallung kommen, ins Schlafzimmer wechseln.

Nett. Nicht megageil, aber nett. Warm, bemüht (im positiven Sinne), steigerungsfähig. Und ich sagte einem Freund hinterher: geil habe ich schon oft gehabt, mir ist aber nett ohne sehr geil lieber als nur geil ohne nett. Nachvollziehbar?

Am nächsten Tag schrieb ich ihm eine Mail.

Du, sag mal, E… damit ich das von gestern Abend sortiert bekomme… der Typ, der gestern Abend erst völlig sinnlos in die falsche Richtung der Einbahnstraße fuhr, da parkte und dann fuhr, nachdem er mit mir geredet hat: das war nicht zufällig ein Freund von dir, den du vorgeschickt hattest, um zu sehen, ob ich auch wirklich da bin und wie ich aussehe? Hm?

Völlig harmlos, wie ich finde. Ich wollte es einfach wissen, mehr nicht. Keine Antwort, ein paar Tage später war die Mail gelöscht. Nicht das Fehlen von Ja oder Nein stört mich, sondern das Nicht-Antworten. Er nahm in Kauf, mich nicht wieder zusehen, statt sich die kurze Blöße zu geben.

Jener junge Mann aus der letzten Geschichte fragte, wie das Date denn gewesen sei. „Nett.“-„Das freut mich. Um ehrlich zu sein, hatte ich befürchtet, du würdest mit ihm schlafen.“ Seufz. Ich habe einfach meine Klappe gehalten, um ihn nicht noch mehr zu quälen.

 

 

 

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