Einmal hin, alles drin.

„Sowas gibt es noch?“ fragt mich mein Schatz, als ich ihm knapp antworte, wo ich ihn denn kennen gelernt hätte. Oh doch, ich nehme sogar an, dass viele Menschen potentielle Partner/Liebhaber beim Einkaufen aufreißen, im Alltag, ganz zufällig und nebenbei. Für uns ist das nur so ungewöhnlich, weil wir sonst unkonventionellere Wege gehen.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“ fragt mich die Kassierin. Ich sage „Nein, die hätt‘ ich nicht verdient.“ (und singe die Zeile innerlich). Auch auf die Gefahr hin, dass die Adressatin das Lied „Herrenabend“ nicht kennt, antworte ich gerne so. Wahrheitsgemäß. Er kennt es vermutlich auch nicht, dennoch reagiert er. Als ich am Packtisch meinen Kassenzettel verstaue und die Einkäufe platzsparend in meinen Korb verpacke, tritt er neben mich und flüstert: „Sind Sie fremd gegangen?“ Ich schaue ihn an. Sehe blitzende Augen. Lachfältchen. Dreitagebart, rasierte Glatze. Ein paar Jahre älter als ich. Lächeln. Mit festem Blick erwidere ich: „Nein, mir ist keiner der Männer fremd, mit denen ich ins Bett gehe.“ Woraufhin er schallend lacht und meint, ich würde ihm gefallen. Ich lache zurück, ja, das würde ich öfter hören. Sofort stellt er sich vor. Und in diesem Kontext mag ich das. In anderen nicht, da geht mir das zu schnell, aber im Alltag, wo Menschen viel zu oft grußlos und anonym und gleichgültig aneinander vorbei gehen, gefällt mir das. Wir plaudern ein wenig darüber, dass es doch so leicht sein kann, sich kennen zu lernen, wenn man nur mit offenen Augen und Herzen durch die Welt geht, um dann zufällig jemandem zu begegnen, mit dem man sich unverkrampft unterhalten kann. Dieses Unverkrampfte erhalten wir uns auch, als wir feststellen, dass der jeweils andere lauter Lebensmittel für ein (dann sehr wahrscheinlich) leckeres Essen eingekauft hat und wir uns kund tun, dass wir gerne kochen. „Gehen Sie denn auch gerne mal Essen?“, will er wissen. Natürlich täte ich das, was ihm denn da so vorschwebe. Und so kommt es, dass wir uns für den kommenden Abend zum Essen beim Inder verabreden, der schräg gegenüber von mir ist (was er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß).

Als wir einen Tisch bekommen, denke ich an die Dates zurück, die ich bei diesem Inder in den letzten Jahren hatte. Mit Micha war ich hier. Mit Jörg. Mit jemandem, dessen Namen ich vergessen habe, nicht aber das Essen, das ich hatte. Er könnte Thomas geheißen haben. Der war der allererste Mann überhaupt in meinem Leben, von dem ich den klassisch-klischeehaften Satz „Gehen wir zu dir oder zu mir?“ hörte. Gott, fand ich das geil an diesem Abend, endlich die Wahl zu haben!

Mit ihm rede ich über Indien, über anderes Essen, über das Geschichtenschreiben, über Kinder, über gescheiterte Ehen. Und als das Restaurant zwei Stunden später leer wird und ich ihm ein Buch mit einer Geschichtensammlung zeigen möchte, lade ich ihn noch auf einen Tee (mangels Espresso) in meine Wohnung ein. Noch immer unverkrampft. (Um das mal vorweg zu nehmen: es bleibt auch unverkrampft bis zum Ende.) Wir trinken den Tee auf dem Sofa, völlig stillos aus Kaffeebechern. Dabei streichelt er mir den Rücken über dem Kleid, den Nacken im Ausschnitt, nur mit den Fingerspitzen. „Du hast ja kalte Hände.“ merke ich an, dabei frage ich mich, ob das seine Nervosität ist. Ich nehme seine Hände in meine, um sie zu wärmen. Ich kann das, weil ich eine untypische Frau bin – immer warme Hände und Füße. Das fällt auch ihm auf. Und meine Geste scheint ihn dahingehend zu ermutigen, dass er fragt „Und meine Lippen?“ Kuss. Warm!

Und wie das halt so ist, ne, ein Kuss ergibt den nächsten, eins führt zum anderen und schwuppdiwupp und hastenichtgesehen finden sich beide plötzlich im Bett wieder. Einer nackter als die andere. Aus Gründen.“Mir macht das nichts aus, dass du deine Tage hast.“ – „Mir aber!“ Es ist immer das Gleiche. Ich denke: so ein Tag der Tage ist die ideale Gelegenheit für ein erstes Kennenlernen. Und kurze Zeit später beschimpfe ich mich innerlich und ärgere mich und quäle mich, weil ich doch immer so geil werde, dass ich mich vergessen will und mir das immer selber einbrocke, dass ich dann nicht richtig ficken kann! Mann! Aber da es ihm wirklich nichts ausmacht, beschäftigt er sich auf interessante Art und Weise mit allem, was nicht durch Stöpsel verrammelt ist. Und auch trotz Stöpsel. Dass er so fasziniert und begeistert ist, mag daran liegen, dass er selber in dieser Hinsicht noch im Urwald lebt. Komischerweise störe ich mich dieses Mal nicht so sehr daran, wie ich das von mir selbst erwartet hätte. Naja, vielleicht ist er nun inspiriert, wenigstens mal mit einer Schere zu experimentieren. Es wird heiß und heißer und wild und leidenschaftlich, so dass auch er schließlich ein Happy End einer Art hat, dass ihm das Hirn weg fliegt. Ich höre sowas.

Wir wollen das fortsetzen. Vertiefen. Sehr vertiefen! Vorausgesetzt, meine Nachricht heute Früh nach seinem „In der Nase habe ich noch deinen Duft. Und meine Zunge befühlt noch die steife Weichheit deiner Muschi  mit dem Geschmack, der mich steif werden lässt! ummmm… lecker!“ mit einer erweiterten Information über meinen Beziehungsstatus schreckt ihn nicht ab. Dies war nämlich das Einzige, was sich für mich im Nachhinein falsch anfühlte – es versäumt zu haben, ihn darüber ins Bild zu setzen.

 

 


 

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