Wie es uns geht?

Lass es mich dir so erklären:

Lange Zeit war ich die einzige Pflanze auf seiner Terrasse. Er hegte und pflegte mich, und er wusste, wie er das zu tun hat. Mit Liebe, Aufmerksamkeit, besonderen Pflegemitteln. Ja, er gab quasi Seminare über die Pflege einer Pflanze wie mich, die er als ganz besonders innerhalb der Botanik wahrnahm und darstellte. So weit, so gut.

Dann kamen andere Pflanzen hinzu. Ich freute mich darüber, denn so war ich nicht die einzige. Mir gefiel es, nicht mehr die alleinige Verantwortung dafür zu tragen, dass er glücklich ist, und glücklich wollte ich ihn ja sehen. Er kümmerte sich weiterhin um mich und pflegte mich, wenn auch die Seminare nachließen. Auch, wenn er die anderen goß und düngte, so wurde ich dennoch exklusiv gebadet.

Aber dann. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, ob ich es hätte verhindern können. Er goß mich wie die anderen. Die Worte, die er an mich richtete, waren nicht mehr exklusiv. Wir standen gleichwertig nebeneinander, er machte keinen Unterschied mehr, welche Pflanze er am liebsten hatte. Und wenn er gerade eine andere gepflegt hatte und direkt danach zu mir kam, erschien mir seine Pflege routiniert, pflichtbewusst. Der Dünger wurde fad. Eines Tages vergaß er, mich zu gießen. Wirklich: er vergaß mich einfach!

Da wusste ich, dass ich nichts Besonderes mehr für ihn war und machte mich vom Acker von seiner Terrasse. Lieber stehe ich wieder alleine in der Botanik, als dass ich eine gleichwertige unter Vielen bin.

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Schon 2800 km

Das ist weiter als mein Weg, den ich nächsten Sonntag für den Urlaub auf mich nehmen werde. Luftlinie, versteht sich. Den Rückflug nicht mitgerechnet.

Er kam wieder mit der Bahn, weil er kurzfristig umdisponieren musste. Als ich ihm schrieb, dass er Piep sagen solle, wenn er ankommt, weil ich ihn dann in die Tiefgarage lassen würde, meinte er, er bedürfe keines TG-Platzes. „Warum? Kommst du mit dem Fahrrad?“ Langer Rede kurzer Sinn: er wollte nicht, dass ich ihm vom Bahnhof abhole, darum hatte er mir das nicht mitgeteilt. Typisch für ihn: Nur keine Umstände machen, nicht zur Last fallen, besser unsichtbar sein. So unsichtbar, wie er sich seit vielen Monaten auch in seinem Alltag machte, sich zurückzog. Aus Angst vor Zurückweisung. Aber dieses Spiel mache ich nicht mit, erst recht nicht, wenn er bei mir willkommen ist und auch ich mich auf ihn und seine Nähe freue!

Blumen in die Vase stellen. Geschenke entgegen nehmen, die er für nötig hielt, um eine Daseinsberechtigung für sich selbst zu erzeugen. Dann demonstrierte ich ihm seine wahre Daseinsberechtigung…

An der Hand ins Schlafzimmer ziehen. Mich und ihn ausziehen. Ihn über mich ziehen. Ihn in mich ziehen. Ganz einfach. Nah sein, ganz nah, wie vorher geplant, bestätigt und für richtig befunden. So lange so nah und so eng, wie wir es aushielten.

Der Rest des Wochenendes war Essen gehen, Händchen halten, Nähe und Enge und Schwitzen, duschen, wieder Essen gehen, Stadtführung, im Café sitzen, uns unserer Nähe erfreuen, wieder Essen gehen, Nähe und Enge und etwas weniger Schwitzen, zweimalig nebeneinander einschlafen und wieder zusammen aufwachen, Morgensex, zum Bus bringen.

Er stellt mich auf ein Podest. Ich bin sein „Juwel“, „das das Sonnenlicht in den herrlichsten Farben bricht“. „Natürlich glaube ich zu wissen, dass zuviel Pathos in der Poesie bei dir kaum verfängt.“ Solange ich auf diesem Podest stehe, können wir keine Augenhöhe haben. Aber nah und schön war es trotzdem, und er hat mir sehr gut getan.

Be-zieh-ung

Sagte ich nicht schon einmal, dass es nicht die eine „richtige“ Beziehungsform in punkto Partnerschaften gibt? Viele gibt es, von mir jetzt einmal grob überschlagen. Aber was genau ist denn überhaupt eine Beziehung, was macht sie aus?

Es ist eine Verbindung, trara! (Das weiß ich auch ohne Wikipedia, habe mich aber vorsichtshalber rückversichert.) Dass eine Beziehung nicht nur auf Partnerschaften beschränkt sein muss, erwähne ich hier am Rande, alles will ich gerade gar nicht unter einen Hut bringen. Aber was macht denn eine Ver-bind-ung aus?

Richtig, etwas, das zwischen (wenigstens) zwei Menschen ver-bindet. Das kann Vieles sein: räumliche Nähe, gleiche Interessen, gleiche Denk- oder Arbeitsinhalte etc. pp. Auch das führt für meine Zwecke gerade zu weit, um es erschöpfend aufzulisten. Und wie sieht nun diese Art der Verbindung aus?

Da hätten wir zum Beispiel den Klettverschluss. Pappt zusammen. Eng. Dazwischen passt kaum Luft. Da hakt sich etwas zusammen. Ich behaupte mal frech, dass wenn sich ein Klettverschluss löst, sich ein Gefühl der Freiheit und Erleichterung einstellt. Der Klettverschluss ist auch nicht sehr langlebig, denn bei jedem Lösen kommen Fussel dazwischen, welche die Verbindung auf Dauer weniger stabil machen.

Dann wäre da Klebstoff. Hält. Pappt auch. Keine Luft dazwischen. Kann man mögen, muss man aber nicht. Riecht auch nicht so schön.

Eine Eisenstange. Die hält sicher, da geht nichts dazwischen. Kann nach langer Zeit brechen, das sagte schon Drafi Deutscher, aber vorher ist sie echt stabil. Wenig flexibel, und wenn sich der eine bewegt, muss sich der andere zwangläufig in die gleiche Richtung mit bewegen. In verschiedene Richtungen geht da gar nicht. Da muss man sich schon sehr einig sein.

Das Seil. Je nachdem, ob das Seil am Fuß oder am Arm oder am Kopf befestigt ist, hat man unterschiedliche Bewegungsfreiheit. Je nach Dicke des Seiles sehr stabil, ein bisschen starr aber noch. Die Länge des Seiles macht da einen großen Teil der Bewegungsfreiheit aus. Wenn man das Seil durchschneidet, ist es zerfranst. Das lässt sich nicht mehr flicken, ohne dass es an der gleichen Stelle wieder reißt.

Magnete. Sind sie weiter voneinander entfernt, dann haben sie keine Kraft aufeinander. Aber wenn sich der eine annähert, und der andere hat die richtige Polung, dann – flupppp! – hängen die beiden aneinander. Eng. Können sich aber auch wieder voneinander lösen. Wenn man das nicht zu oft macht, dann lässt die Anziehungskraft auch nicht nach. Es sei denn, man entfernt sich zu weit voneinander. Eine Verbindung und Beziehung, die man ihnen nicht ansieht, wenn nur der eine anwesend ist. Magnete können auch an anderen andocken, die die richtige Polung haben. Großartige Sache, das!

Das Gummiband. Finde ich persönlich super, weil es flexibel ist und auch unterschiedliches Tempo und Richtungen aushält. Und: wenn der eine sich weg bewegt, zieht es dennoch wieder zurück. Womit wir wieder bei Be-zieh-ung wären. Wenn beide sich gar nicht bewegen, wird das Gummi zu Klebstoff: es peckt, wird unflexibel. Was aber, wenn sich beide immer wieder weit weg bewegen, zurück gezogen werden, sich wieder weg bewegen, das über Jahre, und das Gummi ausleiert? Dann hat es keine Spannkraft mehr. Dann gibt es eine Ver-bind-ung, aber keine Be-zieh-ung mehr. Was macht man da? Neues Gummi einsetzen und es besser pflegen? Geht das überhaupt?