Tag und Nacht

(1 – TAG)

Er lümmelt sich auf meiner Seite rum. Gibt mir ein Zeichen. Ich lümmele kurz zurück. Ja, alles ganz nett, aber kein Schlüsselwort, kein besonderer Reiz. Darum zögere ich. Er lümmelt sich wieder. Ich lese nochmal. 26, Student, aus der gleichen Stadt. Ok, ich öffne ihm die Tür, wer weiß, du vergibst dir ja nichts.

Wir reden über uns, über Vieles, er hat viel Charme, ist höflich, hat Hirn, ist genuin an mir interessiert. So soll das sein, sonst geht bei mir gar nichts. Er macht wirklich alles richtig. Und darum wechseln wir den Kanal.

Er ist mit der Bahn unterwegs, hat viel Zeit auf dem Weg. Und so werden wir persönlicher, tiefer, konkreter. Ich weiß noch, dass er meint „du scheinst die Art offener Mensch zu sein, den ich suche“. Ich antworte, offen könne ich gut, manchmal zu sehr, so dass ich dann manchmal enttäuscht würde, wenn meine Offenheit nicht erwidert wird. Jedenfalls freue ich mich wirklich, ihn zu treffen und kennen zu lernen und mich überraschen zu lassen, wie sich das möglicherweise zukünftig entwickeln könnte.

Weil er völlig unerfahren mit derartigen Internettreffen ist, will ich ihm den Einstieg erleichtern, aufweichen. Es gibt Salat, zwischen uns stehen Tapas, das alles in der Küche. Dazu ein süßer Rotwein. Als wir anstoßen, zittert seine Hand so stark, dass der Wein fast heraus schwappt. Hey, dafür habe ich doch Verständnis, mach dir keinen Kopf, alles wird gut. Du darfst hier einfach so sein, wie du bist, ich bewerte dich nicht. Danach sitzen wir auf dem Sofa und erzählen uns von unserem Alltag, unseren Zielen und Werten. Er eröffnet mir dann seinen wirklichen Namen, zuvor sei er vorsichtig gewesen. Meinetwegen… Mein Bücherregal ist bei den richtigen Menschen immer Thema, und eines drücke ich ihm mit freundlicher Empfehlung und den Worten „damit du auch sicher wiederkommst“ in die Hand. Auch um ihm zu zeigen – du magst jetzt völlig neben der Spur sein und verwirrt und unsicher, aber ich möchte dich trotzdem wiedersehen. Am Ende sind wir uns einig, dass wir es am heutigen Tag dabei belassen und keine weitere Ebene betreten. Zum Abschied will ich ihm einen Kuss geben. Er spitzt die trockenen Lippen. Während er noch unterwegs nach Hause ist, schreiben wir uns.

Zwei Tage später: ein Schild ähnlich „Einfahrt verboten“. Nanu? Ich schreibe ihm auf dem anderen Kanal, was denn da los sei? Keine Antwort. 5 Tage später merke ich an, dass das ja leider ein kurzes Vergnügen gewesen sei. Keine Antwort. Weitere 5 Tage später schreibe ich, ich hätte aber gerne mein Buch zurück. Keine Antwort. 2 Tage später: „Bald!“ Keine Antwort. Langsam werde ich wütend. Schreibe ihm, ich könne sehr gut damit leben, dass er mich nicht wiedersehen wolle, dann seien wir eben einfach nicht kompatibel. Aber dass er nicht den Mumm habe, mir das Buch zurück zu geben, das könne ich nicht akzeptieren, denn das sei Kindergarten. Keine Antwort. Eine Woche später muss ich nochmals darum bitten, es in meinen Briefkasten zu werfen. 3 Tage später eine Nachricht von ihm mit gerecktem Daumen. Da weiß ich, die Sache ist endlich beendet. Offenbar hat er das wirklich erst lesen wollen…

Gestern, andere Seite: das Foto da kommt mir bekannt vor. Klicke drauf – geht nicht. Da bin ich vorsorglich gesperrt worden. Da ich aber über Freunde verfüge, die mir in einem solchen Fall Screenshots machen, weiß ich, dass er gewechselt hat. Was ich da lese, lässt mich laut auflachen. Sieht er sich wirklich so? Ich versuche, mir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen, was ich denn falsch gemacht haben könnte.

(2 – NACHT)

Er lümmelt sich auf meiner Seite rum. Gibt mir ein Zeichen. Ich lümmele kurz zurück. Ja, alles ganz nett, aber kein Schlüsselwort, kein besonderer Reiz. Darum zögere ich. Er lümmelt sich wieder. Ich lese nochmal. 25, Student, aus der gleichen Stadt. Ok, ich öffne ihm die Tür, wer weiß, du vergibst dir ja nichts.

Wir reden über uns, über Vieles, er hat viel Charme, ist höflich, manchmal bewusst zweideutig, hat Hirn, Witz, ist genuin an mir interessiert. So soll das sein, sonst geht bei mir gar nichts. Er macht wirklich alles richtig. Und darum wechseln wir den Kanal.

Sein Foto in der Verkleidung vom Karneval ist echt heiß, ein echter Frauenmagnet. Er ist unkompliziert, aber helle. Witzig, scharf, ungeduldig. Zwei Tage später klingelt er an meiner Tür.

In meinem Flur nehme ich ihm die Jacke ab und frage mich noch kurz, ob sich das Treffen von neulich mit Mr. Tag wiederholt (dabei habe ich gar keinen Salat vorbereitet). Er packt mich, küsst mich, drückt mich an den Schrank – „wo ist dein Schlafzimmer, oder willst du es gleich hier?“ In den nächsten zwei Stunden tropft Schweiß auf meinen Rücken oder mein Gesicht, wir lachen, ich bettle, wir lachen wieder, es ist ein beiderseitiges Vergnügen.

Abgesehen davon, dass er kein Freund von Freundschaft+ ist, sondern mich vielmehr sporadisch der Abwechslung wegen vögeln will: ein Volltreffer. Gestern war er wieder hier.

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ONS 2.0

Wir schreiben August 2014. Es ist Freitag am frühen Abend, und ich bin im Chat. Er auch. Hier halte ich mich regelmäßig auf, der Chat ist an wie bei anderen Menschen der Fernseher nebenbei läuft.

Wir stellen recht schnell fest, dass wir auf einer Welle schwimmen. Die erste Gemeinsamkeit ist Humor, die zweite ist unsere Art, Leidenschaft zu definieren und die dritte, dass wir Bock aufeinander haben. Achja, die vierte: Spontaneität. Ob es denn für mich in Ordnung wäre, wenn er in der Nacht wieder los müsse, da er am nächsten Tag mit Freunden auf eine Hochzeit fahren würde.

Gegen drei Stunden später ist er hier. Als ich ihm auf dem Bürgersteig entgegen gehe, schenkt er mir ein Strahlen. Unsere Umarmung fühlt sich an, als würden wir uns bereits lange kennen, aber nicht, als würden sich Fremde zum Ficken treffen. Da kommen zwei zueinander, die viel gemeinsam haben, und zwar nicht nur auf der sexuellen Ebene.

Wir kümmern uns umeinander. Jeder Körperteil wird darin mit einbezogen, wenn auch der Anus jeweils im Mittelpunkt steht. In Ruhe. Leidenschaftlich, ja, aber nicht hektisch oder gierig. Obwohl wir nur wenige Stunden haben, lassen wir uns Zeit. Sogar dafür, hinterher meinen Kopf auf seiner Brust ruhen zu lassen und über Beruf, Vorurteile und Lebensanschauungen zu reden. Naher, inniger Sex zwischen Menschen, die sich verstehen.

In den nächsten Jahren ist nichts mit Spontaneität. Beide tun sich in Phasen psychischer Disbalance schwer mit langen Autobahnfahrten. Aber die Nähe bleibt in Form liebevoller Kommentare, Mails mit gegenseitigem Interesse, Geburtstagsgrüße, Feiertagsgrüße und zwinkerndem Geplänkel zwischendurch. Auch ohne ein Wiedersehen fühle ich, dass da ein Band besteht aus Gemeinsamkeit. Ein Gefühl, das nicht zu beschreiben ist. Und ich will weder auf „Liebe“ noch auf „Seelenverwandtschaft“ hinaus. Auf nichts weiter als auf „besonderes Band“.

Anlässlich seines Geburtstages schreiben wir uns. Ich wünsche ihm alles Gute und dass er bekommen möge, was er brauche.

… Meine Wünsche am heutigen Tag sind allerdings sehr viel profaner und fleischlicher. *ggg*

spaetsommer

Eine willige Möse und ein bereitgestreckter Arsch? *g*

Dies treffe seine Wünsche ziemlich genau, antwortet er. Und da ich doch so gerne bei der Erfüllung von Wünschen helfe, beginnen wir an jenem Tag, ernsthaft unser Wiedersehen zu planen. Es kommen noch ein paar Terminschwierigkeiten in den Weg, aber letztlich findet sich ein langes Wochenende, an dem ich die Regionalbahn steige.

Als ich ankomme, ist es spät. Wenigstens habe ich keinen Hunger, aber ich bin seit 17 Stunden auf den Beinen und nicht mehr die Jüngste. Darum stelle ich mich darauf ein, in seiner Wohnung einfach einzupennen. Aber nichts da: kaum knutschen wir, bin ich auch schon wieder wach. Erst zweieinhalb Stunden später, nachdem er der sonst dauernd lärmenden Studentenbrut über ihm gezeigt hat, was ’ne Harke ist, gehen wir zur Nachtruhe über. Friedlich, befriedigt, löffelnd.

Drei Übernachtungen bei ihm, in denen ich herrlich schlafe. Drei Frühstücke (der Art Deluxe, nackt in der Küche), zweimal auswärts essen, nachdem wir drei Tage lang seine Stadt und das Nachbarland spazieren gehend abgegrast haben. Die Blasen an meinen Füßen haben sich etwa 2 Monate später vollständig regeneriert, und es war jeden einzelnen Druckschmerz wert. Den Rest des Tages lümmeln wir auf dem Sofa rum und Musik bestimmt die Zeit. Viel, viel, viel Musik. Und viel, viel Schlagzeug. Natürlich auch viel, viel Sex. Eine wunderschöne Zeit mit guten Gesprächen, wie sie persönlicher kaum sein könnten. All das mit dem ständigen Gefühl der Vertrautheit. Ich genieße es sehr, bei ihm untergehakt durch die Stadt zu laufen. Jeder, der uns begegnet, wird zweifelsfrei denken, dass wir ein Paar sind. Und genau das sind die Begegnungen, die ich so schätze. Das Gefühl haben zu dürfen, dass mir jemand sehr nah ist, ohne Verbindlichkeit und grauen Alltag befürchten zu müssen. Nur das Gute der Beziehung.

 

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