Unbreak my heart oder: Heftig, aber kurz

Zweieinhalb Wochen lang konnte ich glauben, ich könnte ihn gefunden haben. Dass sich zwei Jahre „längstes Vorspiel ever“ letztlich gelohnt hätten. Denn die Wende kam so überraschend, so in den Schoß gefallen, wieder mal so „zufällig“, dass ich nicht an Zufälle glauben mag.

Abzappelparty. Alle paar Monate gehe ich da hin, um mit Ohrenstöpseln den ganzen Abend lang zu sehr gemischter aber sehr guter Musik die Füße wund zu tanzen. Am liebsten sogar alleine, damit ich mich nicht von jemandem mitreißen lassen muss sondern selbst entscheiden kann, wann ich mich mal hinsetze oder mir etwas zu trinken hole oder frische Luft schnappen gehe. An diesem Abend sah ich hinreißend aus, weil ich die neue mit Mister Essen gekaufte Tunika trug. Und ich war entsetzlich gut gelaunt, was mit jeder halben Stunde sogar noch anstieg.

Es war schon nach Mitternacht, als ich draußen jäh angebaggert wurde. Sein Kumpel war schon angetrunken, er selbst aber nüchtern, weil der Fahrer. Wir unterhielten uns über den Sinn und Unsinn von Ohrenstöpseln, den Sinn und Unsinn von Grunge, Ska, Reggae und wilden Mischungen, über den Sinn und Unsinn von Flavour für E-Zigaretten und über den Sinn und Unsinn von Ausschnitten, die das Beste erahnen lassen, aber nicht alles zeigen. Da A. eben schon angetrunken war und kein Blatt vor den Mund nahm, T. sich dagegen noch sehr unter Kontrolle hatte, aber nicht minder interessiert schien, mischten sich deren Aussagen in ihrer Direktheit und dem Ausdruck ihrer Bedürfnisse und Interessen miteinander so sehr, dass sie im Durchschnitt wiederum den Vorschlag ergaben, ich möge doch einfach mit ihnen die Party verlassen. Und da ich die Gelegenheit zweier Männer gleichzeitig lange nicht mehr hatte, sagte ich natürlich nicht nein. Ich sagte sogar: Das ist ein guter Plan!

Wir hatten uns in den letzten Tagen viel geschrieben, und es war nicht nur Sexting, sondern auch ein intimer Austausch unserer Vorlieben, aber auch Haltungen und Werte. Daher passte es in den Zusammenhang, dass ich XYZ nach meiner Anhübscherei ein Foto schickte, und er mir viel Erfolg wünschte. Meine Versicherung, dass ich bloß tanzen wolle, war zu diesem Zeitpunkt echt und wahr. Er schrieb mir dennoch gegen 23 Uhr, ich solle mir doch einfach jemanden mitnehmen, der mir gefalle. Und so antwortete ich eben kurz nach 1 Uhr, dass ICH mitgenommen würde, und zwar von A. und T. Seine Antwort: „Beide. Großartig.“ Und eine Minute später: „Ich bin um 2 Uhr am Bahnhof.“ Meine Antwort: „Mach mich nicht schwach. Wäre das ein Angebot gewesen?“ – „Mehr als das. Aber du willst heute gefickt werden, dafür sind die beiden genau richtig. Mit mir müsstest du Reden und Bier trinken.“ In just diesem Moment sagte ich A. und T., sie müssten doch alleine nach Hause fahren, denn ich müsste dringend jemanden vom Bahnhof abholen. Wenn wir mal ehrlich sind, wäre A. vermutlich zwischendurch ohnehin eingepennt. Und meiner Priorität schrieb ich, ich käme gleich zum Bahnhof. „Nein, ich bin jetzt schon angetrunken. Willst du mich so kennen lernen?“ – „Ja.“

Chat

Und ab da drehte ich ziemlich am Rad. Der Weg zum Bahnhof war gar nicht weit, und eigentlich hätte ich zu Fuß laufen können, aber ich hatte ohnehin keine Ruhe. Und so fuhr ich in die Richtung, parkte in einer Seitenstraße, und währenddessen sowie auf dem Fußweg zum Gleis (welches er mit in einer Nachricht mitschickte), schrieben wir uns. Er gab zu, nervös zu sein. Ich war noch nervöser. Da er „hart nach Biertrinken“ und ich nach „3 Stunden schweißtreibendem Tanzen“ roch, würde das sicher eine „faire Begegnung“. „Und zum harten Downcoolen etc.: Ich bin unrasiert wie ein Entwicklungshelfer kurz vorm Heimaturlaub in Uganda.“ Mann, war mir das egal! Eine Viertelstunde wartete ich auf dem Gleis, Nachrichten flogen hin und her. Er schickte mir sogar den Link zu einem Lied mit Namen „Warten.“ Mal ehrlich, wie kann ich denn dann NICHT verliebt sein, hm?

Die Tür ging auf, er kam grinsend mit einer Flasche Bier, seinem Rucksack, einer Jacke und einer Tüte mit Gebäck heraus. Und wir umarmten uns. Das tat nicht nur gut, weil es dann doch etwas kalt war, sondern weil es so überfällig war. Und dann schauten wir uns gegenseitig ins Gesicht und umarmten uns wieder. Fällig. Und gut. Er wäre wohl gerne noch da stehen geblieben, weil im Arm stehend das Stehen erleichterte, aber ich musste langsam pinkeln und wollte ihn endlich mitnehmen. Dass wir zu einem weiteren Bier und Quatschen zu mir fahren würden, war in der Zwischenzeit geklärt worden.

Unterwegs bat er mich, stehen zu bleiben. Ich war viel zu nervös, als dass ich daran hätte denken können – er griff mir ins Haar und küsste mich hart. Lange. Viel. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal (davor) mit Schnappatmung und irrem Herzklopfen auf einen Kuss reagiert hätte. Heute weiß ich es: am 07.09.19.

Ok, ich mach es mal kurz. Knutschen, Quatschen, mehr Knutschen, mehr Quatschen. Und dann hatten wir aus Versehen doch Sex. Knutschen macht mich so unglaublich heiß, dass ich dann alle Vorsätze über Bord werfen kann. Es war nass, heftig, lecker und sehr verheißungsvoll. Da kein Bus mehr fuhr, brachte ich ihn gegen halb 6 nach Hause.

Am nächsten Tag bereuten wir nichts, genossen den Nachhall und die verbliebenen Gerüche. In den nächsten Tagen vertieften wir die Gespräche und unsere Lust aufeinander. Am letzten Donnerstag kam er zu mir wegen „Kürbissuppe, kompetenter Kommunikation, Knutschen und Koitus“. Und ja, wir sprachen viel, über unsere Beziehungskonzepte, Lebenskonzepte, und darüber, dass wir viel und ehrlich miteinander reden sollten. Er hatte es gerade in der Paarberatung geübt, ich in einer jahrelangen offenen Beziehung. Für mich gibt es nichts anderes mehr als direkte und ehrliche Kommunikation in einer Beziehung. Dass ich emotional schon mehr beteiligt war als er, das wurde dabei deutlich.

Dann hatte ich trotz drei seiner antibakteriellen Spritzen Schluckbeschwerden, aber offenbar hatte nicht ich ihn, sondern er mich angesteckt. Ich war über das Wochenende etwas kränklich, daher stiller. Und ich weiß nicht, ob ich vielleicht etwas länger hätte darüber nachdenken sollen, ob ich diese Nachricht schreibe, oder ob seine Antwort verzögert oder aus anderem Anlass dennoch gekommen wäre.

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Und nein, ich bin nicht paranoid. Habe den Braten nur die paar Kilometer bis hierher gerochen.

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Es sieht nicht so aus, als würde er mir den Gefallen tun. Der erste Liebeskummer dieser Art seit 30 Jahren. Mit Rotz und Wasser und Tony Braxton und allem Pathos, der das gerade vertieft. Ich musste darum sofort schreibend sortieren, sonst kann ich gleich nicht schlafen.

 

…………….

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2 Gedanken zu “Unbreak my heart oder: Heftig, aber kurz

  1. Einer dieser Blogposts bei denen „Gefällt mir“ eher zynisch ankommen dürfte, deshalb lass ich das mal. Wie Du über die paar Tage geschrieben hast, ist jedoch so, dass der Druck auf den Button durchaus auch sinnvoll erscheint.
    Lassen wir das.
    Ich hatte beim Lesen eben den Schmerz am Ende spüren können.
    Fühl Dich gedrückt! Schade.

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