Projekt

186 Augenpaare schauen von der Leinwand herunter. Ok, nicht alle schauen direkt in die Kamera, und ein paar davon sind so sehr im Profil abgebildet, dass man nur ein Auge sieht. Aber das ist nebensächlich.

Dieses Projekt entstand vor etwa vier Jahren. Was genau den Ausschlag dafür gab, weiß ich nicht mehr genau, aber vielleicht komme ich ja drauf, wenn ich weiter aushole…

Alles begann vor über 34 Jahren. Mein erster Kuss. Ich erinnere mich an das Setting: Bushaltestelle, fünf Leute, darunter eine Freundin, ein Container billiges Pils und mein erster Lungenzug. „Du rauchst ja gar nicht richtig! Du musst nach dem Ziehen einatmen!“ Ich tat. Die Zigarette fiel mir vor lauter Schwindel aus der Hand. An diesem Abend habe ich das erste Mal „rumgemacht“. So nannte man das damals, wenn man rumknutschte und dabei auch fummelte. Er fragte damals, ob ich mit ihm gehen wolle. Ich antwortete, mein Vater verbiete mir das. Was völliger Quatsch war, dem wäre das sowas von am Arsch vorbei gegangen, aber das war damals wohl meine Art zu sagen: „Ich will mich da nicht festlegen.“ Wir machten dann kein zweites Mal rum.

Der nächste ließ über ein Jahr auf sich warten. Eine Party in der Schule, viel Bier im Spiel (hat eigentlich seinerzeit kein Lehrer darauf geachtet, dass Minderjährige kein Bier trinken sollten?), und ihn hatte ich seit der Grundschule nicht gesehen. Er war der, der sich mit einem anderen jede zweite große Pause prügelte. Ein Rabauke. In der Grundschule ließ ich solche Jungs links liegen, aber auf dieser Party knutschten wir, als hätten wir nie was anderes getan. Er an die Wand gelehnt, ich vor ihm stehend. Heiß war das!

Wieder ein Jahr später, Klassenfahrt. In der Jugendherberge waren neben unserer Klasse noch andere, unter anderem eine Berufsschulklasse Metzger oder Schlachter. Der Junge sah aber nicht aus wie ein Schlachter und war auch sehr nett, also machten wir nach einem Kneipengang (wieder mit den Lehrern…) eben rum.

Ich hatte damals nicht so viele Gelegenheiten, mich wollte einfach keiner, jedenfalls kam mir das so vor. Also blieben diese wenigen Fälle lange Zeit das, wovon ich zehrte. Und darum habe ich diese so oft in meinem Kopf gedreht, dass ich sie nie vergessen würde. Bis ich meinen ersten festen Freund hatte, mit dem ich natürlich auch sehr, sehr viel rummachte. Um das einmal zu erklären: Rummachen findet bekleidet und auch eher nicht völlig unbeobachtet statt. Petting hingegen benötigt die Gelegenheit, alleine zu sein, um sich auch entkleiden zu können. In dieser Hinsicht war er der erste. Und auch sonst der erste, wie ich schon einmal erzählte (der Filmriss…). Himmel, man könnte meinen, ich sei als Schülerin ständig alkoholisiert gewesen!

Es kamen andere, mit denen geknutscht und rumgemacht wurde. Und irgendwann fing ich an, eine Liste zu führen. Sicherlich auch, um mir zu beweisen und zu dokumentieren: da waren welche, die wollten dich. Auf der Scheunenparty. In der Disco. In der Erlebnisgastronomie. Bis dahin hatte ich auch schon ein paarmal Sex gehabt (also, mit ein paar Jungs oder Männern), listete aber trotzdem noch Knutschpartner auf, unabhängig davon, ob ich mit denen auch Sex hatte oder nicht. Bis zum 30. Knutscher einschließlich. Das war sehr lustig, den kannte ich ebenfalls seit der Schulzeit (der On-Off-Freund einer Mitschülerin), und der lief mir zufällig hinter dem DJ über den Weg. Casual Knutschen. Danach dachte ich dann: ist ja albern, mir die alle aufzuschreiben. Die 30 war vielleicht die magische Zahl, die ich gebraucht hatte, um mir nichts mehr beweisen zu müssen.

Dann habe ich lange Zeit nichts mehr dokumentiert, denn die 13 Sexpartner konnte ich mir gerade noch merken, ohne sie mir aufzuschreiben. Der 11. dachte natürlich immer noch, ich sei bei 11 stehen geblieben. Mehr musste er auch nicht wissen. Aber ich musste es wissen, als ich wie angeknipst Männer traf. Ähnlich wie damals war es wohl wieder dieser Drang, mir zu beweisen, dass ich entgegen der Auffassung des Elften „gewollt“ war. (Oh. Dieser Satz lässt mich beim Lesen noch mehr über meine Motive klar werden. Da soll nochmal jemand sagen, Bloggen ersetze keine Psychotherapie.).

Also führte ich eine Liste im Handy in einer Notizdatei. Auf Papier kam gar nicht in Frage, dafür hatte ich schon genügend negative Erfahrungen mit fremdgelesenem Papier gemacht. Also standen da erst die Nummer, dahinter die Namen. Mit Nachnamen, soweit bekannt. Keine weiteren Informationen, kein Wann, kein Wie, kein Wo, nur die Reihenfolge. Irgendwann kam die Rubrik „und x unbekannte Namen“ hinzu, weil der Modus meiner „Treffen“ es nicht immer her gab, jemandes Namen zu erfahren (und ein „wir nennen ihn den Dampfhammer“ zählt für mich nicht als Name. Da bin ich eigen.) Es wurde immer frisch gepflegt und gewissenhaft eingetragen, wenn jemand hinzu kam. Und nein – es ging dabei nicht um die Menge! Es ging um das Erinnern, das Würdigen der Erlebnisse, das Nicht-Vergessen dessen, was mir Freude machte! So kam es denn auch, dass die Liste dreistellig war und die „x unbekannten“ zweistellig wurden, und Letzteres kam mir sinnlos vor. Warum zählen, wenn doch an dieser Stelle das Erinnern auf der Strecke bleibt? Als ich dann ein neues Handy kaufte und vor der Wahl stand, diese Liste in irgendeiner Form zu übertragen, ließ ich sie einfach gehen. Ich brauchte sie nicht mehr, ebenso, wie ich nach dem 30. Knutschpartner die Dokumentation einstellte.

Dann traf ich ihn. Einen, den es enorm anmachte, dass ich derart viele Männer hatte, wusste er doch, dass ich sie mir nicht nahm, sondern mich ihnen gab. Auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen, aber ich gab. Getreu dem Motto „Mein Körper gehört mir, aber ich bin bereit, ihn zu teilen.“ Schon ziemlich zu Anfang unserer Beziehung fragte er mich nach einer Zahl. Ich antwortete „… plus X“, und schon tropfte es ihm aus der Eichel. Nun wurde er auch öfter Augen-, oder zumindest Ohren- oder Zeitzeuge weiterer und war stolz auf mich. Und letztlich war es wohl der Wunsch, ihm ein Geschenk zu machen, dass ich „das Projekt“ begann. Ich wollte eine andere Art der Dokumentation erstellen, um sie ihm zu zeigen. Die Männer, deren Schwänze ich hatte, wo auch immer (jedoch nur in den Händen oder zwischen den Brüsten ausgenommen). Da aber die Schwänze selbst zu dokumentieren nachträglich kaum möglich war (oder die Zahl zu gering ausfallen würde), entschied ich mich für die Augen.

Also ran an die Sammlung, ich ging chronologisch vor. Ein paar Fotos hatte ich in Alben, so richtig auf Papier. An weitere kam ich ganz einfach offen über verschiedene Plattformen heran. 6 – 7 waren sogar auf meiner Festplatte. Sehr interessant auch, wen ich über Freunde von Freunden fand. Sie sammelten sich. In zweiter Instanz ging ich in mich und versuchte mich an Namen, Nicknamen, Plattformen zu erinnern und erhaschte auch darüber ein paar weitere. Selbst, wenn sie nicht mehr wollten, dass ich sie sähe, kam ich über Umwege an die einen oder anderen Augen. Und natürlich bestand ich seit Beginn des Projektes auf einem Vorabfoto des Gesichts, legte dafür sogar einen eigenen Ordner an. In dritter Instanz legte ich eine Liste an über die, die mir noch fehlten, und während ich darüber nachdachte, wurde die Liste automatisch länger. Allein dadurch, dass die Liste existierte, war ich wacher dafür, wenn sich plötzlich jemand nach langer, langer Zeit schriftlich meldete, ob ich denn noch wüsste, wer er sei. (Natürlich wusste ich das noch!) „Nein, hilf mir doch mit einem Bild auf die Sprünge.“ Auch dadurch kamen noch 5 – 6 zusammen. Oder ein mehr oder minder zufälliger Profilbesucher, bei dem es plötzlich KLICK machte, erinnerte mich selbst an ihn. Je länger es her war, umso eher fand ich da auch Fotos. Die Internetrecherche derer, deren Job ich noch wusste, erbrachte ebenfalls eine gute Ausbeute. Und so kam es, dass jener EINE zu einem kleinen Jubiläum eine Powerpointpräsentation als Geschenk erhielt. Diese ist mir in der Zwischenzeit verloren gegangen über den Wechsel der Hardware, aber sie diente doch ohnehin nur dem Zweck des momentanen Geschenkes, indem wir sie uns auf dem Fernseher ansahen und er mich anschließend fickte.

Das Bild dessen, der mir die Festplatte bzw. die darauf befindlichen Dateien nebst dem Ordner „Projekt“ sicherte, hat eine angemessene Größe erhalten. Nicht immer sagt die Größe etwas über die Wertigkeit des Augenträgers aus, weil manches Mal allein die Auflösung des irgendwo stibitzten Screenshots dafür verantwortlich ist. Auf der anderen Seite gebe ich rein privaten Männern größeren Vorzug gegenüber den anderen, wenn sich auch unter den anderen manche Liebgewonnene befinden. Dagegen erhält jemand Gewisses nun nicht die Größe, die er noch vor vier Wochen bekommen hätte. Überhaupt ist mir eben im letzten Moment noch eingefallen, dass ich das Foto vor dem Ausschneiden der Augen und dem Verschieben in die entsprechende Datei gelöscht hatte. So musste ich doch noch bei Facebook stalken gehen, um heute die vorerst letzten 13 Schnipsel in Farbe auszudrucken. Ein paar Bilder liegen vorsichtshalber in der Warteschleife bereit, von einem bestimmten Mann mache ich beim nächsten Treffen unter irgendeinem Vorwand einen hübschen Schnappschuss. Mit anderen Worten: das Projekt ist erst abgeschlossen, wenn auf der Leinwand kein Platz mehr ist. Oder ich tot. Jener Eine, der die PPP gesehen hat, wird das Gesamtkunstwerk nie zu sehen bekommen, weil ich ihm die Lust nicht mehr gönne, die er daraus ziehen würde. Ein anderer weiß, dass es existiert, weil ich ihm gegenüber mal schriftlich erwähnte, dass das so ein Spleen von mir sei. Hast du etwa auch Augen von mir? – Seit Jahren! – Oh Gott!

Das Projekt „Blogspot Projekt“ ist gleich abgeschlossen, wenn es veröffentlicht wurde. Denn selbst an diesem Entwurf habe ich zwei Jahre lang geschrieben.

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