Projekt

186 Augenpaare schauen von der Leinwand herunter. Ok, nicht alle schauen direkt in die Kamera, und ein paar davon sind so sehr im Profil abgebildet, dass man nur ein Auge sieht. Aber das ist nebensächlich.

Dieses Projekt entstand vor etwa vier Jahren. Was genau den Ausschlag dafür gab, weiß ich nicht mehr genau, aber vielleicht komme ich ja drauf, wenn ich weiter aushole…

Alles begann vor über 34 Jahren. Mein erster Kuss. Ich erinnere mich an das Setting: Bushaltestelle, fünf Leute, darunter eine Freundin, ein Container billiges Pils und mein erster Lungenzug. „Du rauchst ja gar nicht richtig! Du musst nach dem Ziehen einatmen!“ Ich tat. Die Zigarette fiel mir vor lauter Schwindel aus der Hand. An diesem Abend habe ich das erste Mal „rumgemacht“. So nannte man das damals, wenn man rumknutschte und dabei auch fummelte. Er fragte damals, ob ich mit ihm gehen wolle. Ich antwortete, mein Vater verbiete mir das. Was völliger Quatsch war, dem wäre das sowas von am Arsch vorbei gegangen, aber das war damals wohl meine Art zu sagen: „Ich will mich da nicht festlegen.“ Wir machten dann kein zweites Mal rum.

Der nächste ließ über ein Jahr auf sich warten. Eine Party in der Schule, viel Bier im Spiel (hat eigentlich seinerzeit kein Lehrer darauf geachtet, dass Minderjährige kein Bier trinken sollten?), und ihn hatte ich seit der Grundschule nicht gesehen. Er war der, der sich mit einem anderen jede zweite große Pause prügelte. Ein Rabauke. In der Grundschule ließ ich solche Jungs links liegen, aber auf dieser Party knutschten wir, als hätten wir nie was anderes getan. Er an die Wand gelehnt, ich vor ihm stehend. Heiß war das!

Wieder ein Jahr später, Klassenfahrt. In der Jugendherberge waren neben unserer Klasse noch andere, unter anderem eine Berufsschulklasse Metzger oder Schlachter. Der Junge sah aber nicht aus wie ein Schlachter und war auch sehr nett, also machten wir nach einem Kneipengang (wieder mit den Lehrern…) eben rum.

Ich hatte damals nicht so viele Gelegenheiten, mich wollte einfach keiner, jedenfalls kam mir das so vor. Also blieben diese wenigen Fälle lange Zeit das, wovon ich zehrte. Und darum habe ich diese so oft in meinem Kopf gedreht, dass ich sie nie vergessen würde. Bis ich meinen ersten festen Freund hatte, mit dem ich natürlich auch sehr, sehr viel rummachte. Um das einmal zu erklären: Rummachen findet bekleidet und auch eher nicht völlig unbeobachtet statt. Petting hingegen benötigt die Gelegenheit, alleine zu sein, um sich auch entkleiden zu können. In dieser Hinsicht war er der erste. Und auch sonst der erste, wie ich schon einmal erzählte (der Filmriss…). Himmel, man könnte meinen, ich sei als Schülerin ständig alkoholisiert gewesen!

Es kamen andere, mit denen geknutscht und rumgemacht wurde. Und irgendwann fing ich an, eine Liste zu führen. Sicherlich auch, um mir zu beweisen und zu dokumentieren: da waren welche, die wollten dich. Auf der Scheunenparty. In der Disco. In der Erlebnisgastronomie. Bis dahin hatte ich auch schon ein paarmal Sex gehabt (also, mit ein paar Jungs oder Männern), listete aber trotzdem noch Knutschpartner auf, unabhängig davon, ob ich mit denen auch Sex hatte oder nicht. Bis zum 30. Knutscher einschließlich. Das war sehr lustig, den kannte ich ebenfalls seit der Schulzeit (der On-Off-Freund einer Mitschülerin), und der lief mir zufällig hinter dem DJ über den Weg. Casual Knutschen. Danach dachte ich dann: ist ja albern, mir die alle aufzuschreiben. Die 30 war vielleicht die magische Zahl, die ich gebraucht hatte, um mir nichts mehr beweisen zu müssen.

Dann habe ich lange Zeit nichts mehr dokumentiert, denn die 13 Sexpartner konnte ich mir gerade noch merken, ohne sie mir aufzuschreiben. Der 11. dachte natürlich immer noch, ich sei bei 11 stehen geblieben. Mehr musste er auch nicht wissen. Aber ich musste es wissen, als ich wie angeknipst Männer traf. Ähnlich wie damals war es wohl wieder dieser Drang, mir zu beweisen, dass ich entgegen der Auffassung des Elften „gewollt“ war. (Oh. Dieser Satz lässt mich beim Lesen noch mehr über meine Motive klar werden. Da soll nochmal jemand sagen, Bloggen ersetze keine Psychotherapie.).

Also führte ich eine Liste im Handy in einer Notizdatei. Auf Papier kam gar nicht in Frage, dafür hatte ich schon genügend negative Erfahrungen mit fremdgelesenem Papier gemacht. Also standen da erst die Nummer, dahinter die Namen. Mit Nachnamen, soweit bekannt. Keine weiteren Informationen, kein Wann, kein Wie, kein Wo, nur die Reihenfolge. Irgendwann kam die Rubrik „und x unbekannte Namen“ hinzu, weil der Modus meiner „Treffen“ es nicht immer her gab, jemandes Namen zu erfahren (und ein „wir nennen ihn den Dampfhammer“ zählt für mich nicht als Name. Da bin ich eigen.) Es wurde immer frisch gepflegt und gewissenhaft eingetragen, wenn jemand hinzu kam. Und nein – es ging dabei nicht um die Menge! Es ging um das Erinnern, das Würdigen der Erlebnisse, das Nicht-Vergessen dessen, was mir Freude machte! So kam es denn auch, dass die Liste dreistellig war und die „x unbekannten“ zweistellig wurden, und Letzteres kam mir sinnlos vor. Warum zählen, wenn doch an dieser Stelle das Erinnern auf der Strecke bleibt? Als ich dann ein neues Handy kaufte und vor der Wahl stand, diese Liste in irgendeiner Form zu übertragen, ließ ich sie einfach gehen. Ich brauchte sie nicht mehr, ebenso, wie ich nach dem 30. Knutschpartner die Dokumentation einstellte.

Dann traf ich ihn. Einen, den es enorm anmachte, dass ich derart viele Männer hatte, wusste er doch, dass ich sie mir nicht nahm, sondern mich ihnen gab. Auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen, aber ich gab. Getreu dem Motto „Mein Körper gehört mir, aber ich bin bereit, ihn zu teilen.“ Schon ziemlich zu Anfang unserer Beziehung fragte er mich nach einer Zahl. Ich antwortete „… plus X“, und schon tropfte es ihm aus der Eichel. Nun wurde er auch öfter Augen-, oder zumindest Ohren- oder Zeitzeuge weiterer und war stolz auf mich. Und letztlich war es wohl der Wunsch, ihm ein Geschenk zu machen, dass ich „das Projekt“ begann. Ich wollte eine andere Art der Dokumentation erstellen, um sie ihm zu zeigen. Die Männer, deren Schwänze ich hatte, wo auch immer (jedoch nur in den Händen oder zwischen den Brüsten ausgenommen). Da aber die Schwänze selbst zu dokumentieren nachträglich kaum möglich war (oder die Zahl zu gering ausfallen würde), entschied ich mich für die Augen.

Also ran an die Sammlung, ich ging chronologisch vor. Ein paar Fotos hatte ich in Alben, so richtig auf Papier. An weitere kam ich ganz einfach offen über verschiedene Plattformen heran. 6 – 7 waren sogar auf meiner Festplatte. Sehr interessant auch, wen ich über Freunde von Freunden fand. Sie sammelten sich. In zweiter Instanz ging ich in mich und versuchte mich an Namen, Nicknamen, Plattformen zu erinnern und erhaschte auch darüber ein paar weitere. Selbst, wenn sie nicht mehr wollten, dass ich sie sähe, kam ich über Umwege an die einen oder anderen Augen. Und natürlich bestand ich seit Beginn des Projektes auf einem Vorabfoto des Gesichts, legte dafür sogar einen eigenen Ordner an. In dritter Instanz legte ich eine Liste an über die, die mir noch fehlten, und während ich darüber nachdachte, wurde die Liste automatisch länger. Allein dadurch, dass die Liste existierte, war ich wacher dafür, wenn sich plötzlich jemand nach langer, langer Zeit schriftlich meldete, ob ich denn noch wüsste, wer er sei. (Natürlich wusste ich das noch!) „Nein, hilf mir doch mit einem Bild auf die Sprünge.“ Auch dadurch kamen noch 5 – 6 zusammen. Oder ein mehr oder minder zufälliger Profilbesucher, bei dem es plötzlich KLICK machte, erinnerte mich selbst an ihn. Je länger es her war, umso eher fand ich da auch Fotos. Die Internetrecherche derer, deren Job ich noch wusste, erbrachte ebenfalls eine gute Ausbeute. Und so kam es, dass jener EINE zu einem kleinen Jubiläum eine Powerpointpräsentation als Geschenk erhielt. Diese ist mir in der Zwischenzeit verloren gegangen über den Wechsel der Hardware, aber sie diente doch ohnehin nur dem Zweck des momentanen Geschenkes, indem wir sie uns auf dem Fernseher ansahen und er mich anschließend fickte.

Das Bild dessen, der mir die Festplatte bzw. die darauf befindlichen Dateien nebst dem Ordner „Projekt“ sicherte, hat eine angemessene Größe erhalten. Nicht immer sagt die Größe etwas über die Wertigkeit des Augenträgers aus, weil manches Mal allein die Auflösung des irgendwo stibitzten Screenshots dafür verantwortlich ist. Auf der anderen Seite gebe ich rein privaten Männern größeren Vorzug gegenüber den anderen, wenn sich auch unter den anderen manche Liebgewonnene befinden. Dagegen erhält jemand Gewisses nun nicht die Größe, die er noch vor vier Wochen bekommen hätte. Überhaupt ist mir eben im letzten Moment noch eingefallen, dass ich das Foto vor dem Ausschneiden der Augen und dem Verschieben in die entsprechende Datei gelöscht hatte. So musste ich doch noch bei Facebook stalken gehen, um heute die vorerst letzten 13 Schnipsel in Farbe auszudrucken. Ein paar Bilder liegen vorsichtshalber in der Warteschleife bereit, von einem bestimmten Mann mache ich beim nächsten Treffen unter irgendeinem Vorwand einen hübschen Schnappschuss. Mit anderen Worten: das Projekt ist erst abgeschlossen, wenn auf der Leinwand kein Platz mehr ist. Oder ich tot. Jener Eine, der die PPP gesehen hat, wird das Gesamtkunstwerk nie zu sehen bekommen, weil ich ihm die Lust nicht mehr gönne, die er daraus ziehen würde. Ein anderer weiß, dass es existiert, weil ich ihm gegenüber mal schriftlich erwähnte, dass das so ein Spleen von mir sei. Hast du etwa auch Augen von mir? – Seit Jahren! – Oh Gott!

Das Projekt „Blogspot Projekt“ ist gleich abgeschlossen, wenn es veröffentlicht wurde. Denn selbst an diesem Entwurf habe ich zwei Jahre lang geschrieben.

Wird eine Tür zugeschlagen, geht woanders ein Fenster auf.

Von der Wahrheit dieses Satzes bin ich schon lange überzeugt. Nicht erst seit dem Wechsel von meiner letzten zu meiner aktuellen Arbeitsstelle, aber dieser Wechsel hat es wieder bestätigt. Und im Zwischenmenschlichen ist das nicht anders. Dass ich damals in einen dieser Tastenwichser verliebt war (und enttäuscht wurde), hat mich letztlich geöffnet für jemanden, mit dem ich anschließend jahrelang emotional verbandelt war. Und da ich kürzlich wieder zu Lieben bereit war, ist mein Herz gerade sehr offen.

Vor wenigen Wochen hatte ich das Gefühl, mein Herz sei gebrochen. Eine der besten und wertvollsten Lehren, die ich daraus zog ist, wie wirksam und schnell ich in der Lage bin, mich wieder auszubalancieren. Natürlich bekam ich Hilfe durch Menschen, die ich täglich sehe, mein Schmerz wurde geteilt, ich durfte traurig sein und durchhängen, erhielt Stütze. Sobald jedoch „Männer sind Schweine“-Gesänge angestimmt wurden, unterband ich das. Denn das war und ist er nicht, er hat alles richtig gemacht. Die Häkchen wurden noch blau, ich erhielt Antwort und konnte so die Tür leise schließen, als dass sie einfach zugeknallt wurde. Ich kaufte mir schweinegeile Schuhe, und schon ging es mir besser. Ein paar Tage später äußerte ich noch einer Freundin gegenüber, ich hätte gerade nicht einmal Lust, mich von irgendeinem Mann durch Ablenkung trösten zu lassen, weil einfach Trauer angesagt sei.

Drei Tage später wurde eine Massage mit Eskalation geplant. Ich bekam wieder Lust, das Trübsal war wie weggeblasen, sogar ohne zwischenzeitlichen Blowjob. (Den konnte ich mir nicht verkneifen, weil ich gerade noch in Halterlosen dasitze und jemandem einen langersehnten Wunsch erfüllt habe.) Dass der Typ sich als unzuverlässig herausstellte und ich das Ganze darum platzen ließ, war an dieser Stelle glückliche Fügung, denn weil ich wieder so viel Lust hatte, ging ich aktiv auf die Suche, was ich sonst nicht tu. Genau genommen war es eine Anzeige, auf die ich dann sehr viel Resonanz erhielt. Es war viel Ausschuss dabei, wahllose Eindimensionalität, aber für den nächsten Abend fand sich tatsächlich jemand sehr Passendes! Daraus mache ich keine ganze Geschichte, nur eine Anekdote: Trotz Passung, Genuss, überraschend guten Elementen und kurzzeitiger Befriedigung war dies das letzte Mal. Ich mache mir doch im Vorfeld nicht so viel Arbeit mit der Auswahl, damit das Date dann nur eine Stunde dauert, weil er noch mit Freunden verabredet ist!

Und zwischen all den Mails: ER. Ein Blick zum Dahinschmelzen, viele viele Worte zum Mitdenken und vor allem Mitfühlen, ich war sofort hingerissen und bei ihm. In Gedanken und emotional, denn uns trennen etliche Kilometer. Darum lehnte ich mich aus dem Fenster, mit ihm müsse ich sogar in tieferen Kontakt treten, wenn er in der Schweiz leben würde! Wir schrieben uns den ganzen Abend, und dabei waren gefühlt höchstens 25 % der Themen sexueller Natur. Wie sehr ich Feuer und Flamme sein kann, wenn mich jemand berührt, ist dem geneigten Leser sicher schon das eine oder andere Mal aufgefallen. Ja, ich bin sehr begeisterungsfähig, und so telefonierten wir noch am selben Abend. Nämlich nachdem wir beim Thema Empathie ins Diskutieren kamen und er schrieb, darüber würden wir uns beim ersten Date ausführlicher unterhalten. Ich fragte augenzwinkernd, wie viele Stunden er denn für unser erstes Date ansetzen würde. „2-3 Tage.“

Dies sollte von morgen bis Freitag sein. Leider wurde daraus aus beruflichen Gründen nichts, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Das Warten führt eher zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Vorteilen des Wartens. Hier meine Zwischenergebnisse:

  • Er ist nicht XYZ. Er ist kein Ersatz, kein Lückenbüßer, nur weil es Ähnlichkeiten gibt in Hirn und Gesicht und Gesinnung. Es gibt genügend Unterschiede, von denen einer eher schade ist (naja zwei, die Entfernung mitgerechnet, und nein, der andere ist nicht körperlicher Art), die anderen jedoch einen Gewinn darstellen. Ich habe Zeit, noch mehr Unterschiede zu suchen, um eine emotionale Vermischung auszuschließen!
  • Wartenmüssen ist Wollenlevelhalten. Wenn das gelingt und das Verlangen bleibt, dann hat es sich gelohnt. Wieder einmal.
  • Mehr Zeit heißt mehr gemeinsames Gespräch auf der Metaebene, welches bei Anwesenheit, Geruch, Geilheit und Gier zu kurz kommen könnte. Da er ebenso wie ich offene Worte favorisiert und emotional deutlich offener und sogar kompetenter zu sein scheint als XYZ, nicht nur kopflastig, können wir die Wartezeit mit vielen wertvollen Gedanken und Bildern füllen.

Schluss mit der Aufzählung. Gestern Abend hat er mich glücklich gemacht. Nicht nur er, auch ich habe momentan bei der Arbeit erheblichen Stress mit Mehrarbeit und Zeitdruck. Das führte dazu, dass unsere Nachrichten kürzer und seltener wurden, nicht aber die Verbindung sich änderte. Offenbar. Er schrieb mir, er sehe mich nach wie vor an erster Stelle, während ich im selben Moment das Gleiche an ihn schrieb. Unsere Nachrichten überschnitten sich, so wie der Inhalt sich überschnitt. Dass ich mich darüber so freute, war für ihn erregend. Eine verrückte Verbindung haben wir da, und ich meinte, ich könne doch nicht schon mit Gefühlsduselei ankommen, bevor wir uns jemals persönlich begegnet sind. Langer Rede kurzer Sinn: ich darf. Er tut es auch. Ich konnte gar nicht anders, als erleichtert ein paar Tränchen zu vergießen. Und wir freuen uns schon auf die gemeinsame Zeit, wann immer genau diese sein wird.

P.S.: Ich habe am 8. Oktober eine Verabschiedungsnachricht an XYZ geschrieben und seine Nummer gelöscht.

 

 

Unbreak my heart oder: Heftig, aber kurz

Zweieinhalb Wochen lang konnte ich glauben, ich könnte ihn gefunden haben. Dass sich zwei Jahre „längstes Vorspiel ever“ letztlich gelohnt hätten. Denn die Wende kam so überraschend, so in den Schoß gefallen, wieder mal so „zufällig“, dass ich nicht an Zufälle glauben mag.

Abzappelparty. Alle paar Monate gehe ich da hin, um mit Ohrenstöpseln den ganzen Abend lang zu sehr gemischter aber sehr guter Musik die Füße wund zu tanzen. Am liebsten sogar alleine, damit ich mich nicht von jemandem mitreißen lassen muss sondern selbst entscheiden kann, wann ich mich mal hinsetze oder mir etwas zu trinken hole oder frische Luft schnappen gehe. An diesem Abend sah ich hinreißend aus, weil ich die neue mit Mister Essen gekaufte Tunika trug. Und ich war entsetzlich gut gelaunt, was mit jeder halben Stunde sogar noch anstieg.

Es war schon nach Mitternacht, als ich draußen jäh angebaggert wurde. Sein Kumpel war schon angetrunken, er selbst aber nüchtern, weil der Fahrer. Wir unterhielten uns über den Sinn und Unsinn von Ohrenstöpseln, den Sinn und Unsinn von Grunge, Ska, Reggae und wilden Mischungen, über den Sinn und Unsinn von Flavour für E-Zigaretten und über den Sinn und Unsinn von Ausschnitten, die das Beste erahnen lassen, aber nicht alles zeigen. Da A. eben schon angetrunken war und kein Blatt vor den Mund nahm, T. sich dagegen noch sehr unter Kontrolle hatte, aber nicht minder interessiert schien, mischten sich deren Aussagen in ihrer Direktheit und dem Ausdruck ihrer Bedürfnisse und Interessen miteinander so sehr, dass sie im Durchschnitt wiederum den Vorschlag ergaben, ich möge doch einfach mit ihnen die Party verlassen. Und da ich die Gelegenheit zweier Männer gleichzeitig lange nicht mehr hatte, sagte ich natürlich nicht nein. Ich sagte sogar: Das ist ein guter Plan!

Wir hatten uns in den letzten Tagen viel geschrieben, und es war nicht nur Sexting, sondern auch ein intimer Austausch unserer Vorlieben, aber auch Haltungen und Werte. Daher passte es in den Zusammenhang, dass ich XYZ nach meiner Anhübscherei ein Foto schickte, und er mir viel Erfolg wünschte. Meine Versicherung, dass ich bloß tanzen wolle, war zu diesem Zeitpunkt echt und wahr. Er schrieb mir dennoch gegen 23 Uhr, ich solle mir doch einfach jemanden mitnehmen, der mir gefalle. Und so antwortete ich eben kurz nach 1 Uhr, dass ICH mitgenommen würde, und zwar von A. und T. Seine Antwort: „Beide. Großartig.“ Und eine Minute später: „Ich bin um 2 Uhr am Bahnhof.“ Meine Antwort: „Mach mich nicht schwach. Wäre das ein Angebot gewesen?“ – „Mehr als das. Aber du willst heute gefickt werden, dafür sind die beiden genau richtig. Mit mir müsstest du Reden und Bier trinken.“ In just diesem Moment sagte ich A. und T., sie müssten doch alleine nach Hause fahren, denn ich müsste dringend jemanden vom Bahnhof abholen. Wenn wir mal ehrlich sind, wäre A. vermutlich zwischendurch ohnehin eingepennt. Und meiner Priorität schrieb ich, ich käme gleich zum Bahnhof. „Nein, ich bin jetzt schon angetrunken. Willst du mich so kennen lernen?“ – „Ja.“

Chat

Und ab da drehte ich ziemlich am Rad. Der Weg zum Bahnhof war gar nicht weit, und eigentlich hätte ich zu Fuß laufen können, aber ich hatte ohnehin keine Ruhe. Und so fuhr ich in die Richtung, parkte in einer Seitenstraße, und währenddessen sowie auf dem Fußweg zum Gleis (welches er mit in einer Nachricht mitschickte), schrieben wir uns. Er gab zu, nervös zu sein. Ich war noch nervöser. Da er „hart nach Biertrinken“ und ich nach „3 Stunden schweißtreibendem Tanzen“ roch, würde das sicher eine „faire Begegnung“. „Und zum harten Downcoolen etc.: Ich bin unrasiert wie ein Entwicklungshelfer kurz vorm Heimaturlaub in Uganda.“ Mann, war mir das egal! Eine Viertelstunde wartete ich auf dem Gleis, Nachrichten flogen hin und her. Er schickte mir sogar den Link zu einem Lied mit Namen „Warten.“ Mal ehrlich, wie kann ich denn dann NICHT verliebt sein, hm?

Die Tür ging auf, er kam grinsend mit einer Flasche Bier, seinem Rucksack, einer Jacke und einer Tüte mit Gebäck heraus. Und wir umarmten uns. Das tat nicht nur gut, weil es dann doch etwas kalt war, sondern weil es so überfällig war. Und dann schauten wir uns gegenseitig ins Gesicht und umarmten uns wieder. Fällig. Und gut. Er wäre wohl gerne noch da stehen geblieben, weil im Arm stehend das Stehen erleichterte, aber ich musste langsam pinkeln und wollte ihn endlich mitnehmen. Dass wir zu einem weiteren Bier und Quatschen zu mir fahren würden, war in der Zwischenzeit geklärt worden.

Unterwegs bat er mich, stehen zu bleiben. Ich war viel zu nervös, als dass ich daran hätte denken können – er griff mir ins Haar und küsste mich hart. Lange. Viel. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal (davor) mit Schnappatmung und irrem Herzklopfen auf einen Kuss reagiert hätte. Heute weiß ich es: am 07.09.19.

Ok, ich mach es mal kurz. Knutschen, Quatschen, mehr Knutschen, mehr Quatschen. Und dann hatten wir aus Versehen doch Sex. Knutschen macht mich so unglaublich heiß, dass ich dann alle Vorsätze über Bord werfen kann. Es war nass, heftig, lecker und sehr verheißungsvoll. Da kein Bus mehr fuhr, brachte ich ihn gegen halb 6 nach Hause.

Am nächsten Tag bereuten wir nichts, genossen den Nachhall und die verbliebenen Gerüche. In den nächsten Tagen vertieften wir die Gespräche und unsere Lust aufeinander. Am letzten Donnerstag kam er zu mir wegen „Kürbissuppe, kompetenter Kommunikation, Knutschen und Koitus“. Und ja, wir sprachen viel, über unsere Beziehungskonzepte, Lebenskonzepte, und darüber, dass wir viel und ehrlich miteinander reden sollten. Er hatte es gerade in der Paarberatung geübt, ich in einer jahrelangen offenen Beziehung. Für mich gibt es nichts anderes mehr als direkte und ehrliche Kommunikation in einer Beziehung. Dass ich emotional schon mehr beteiligt war als er, das wurde dabei deutlich.

Dann hatte ich trotz drei seiner antibakteriellen Spritzen Schluckbeschwerden, aber offenbar hatte nicht ich ihn, sondern er mich angesteckt. Ich war über das Wochenende etwas kränklich, daher stiller. Und ich weiß nicht, ob ich vielleicht etwas länger hätte darüber nachdenken sollen, ob ich diese Nachricht schreibe, oder ob seine Antwort verzögert oder aus anderem Anlass dennoch gekommen wäre.

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Und nein, ich bin nicht paranoid. Habe den Braten nur die paar Kilometer bis hierher gerochen.

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Es sieht nicht so aus, als würde er mir den Gefallen tun. Der erste Liebeskummer dieser Art seit 30 Jahren. Mit Rotz und Wasser und Tony Braxton und allem Pathos, der das gerade vertieft. Ich musste darum sofort schreibend sortieren, sonst kann ich gleich nicht schlafen.

 

…………….

Tastaturerotiker

auch: Tastenwichser. Kein Wikipediaeintrag bislang, daher Definition hier: Mensch, der seine Fantasien und Wünsche schriftlich/virtuell lebt, ohne diese in die Realität zu überführen oder überführen zu wollen.

NICHT in diese Kategorie gehören die Typen „Hunde, die Autos hinterherbellen“, denn die würden schon wollen, bringen es aber nicht über’s Herz.

-> Sexting: schriftliches Anheizen, gern in Form vollständiger Sätze oder auch in Art von Drehbüchern. Wiki schreibt dazu: Sexting ist die private Kommunikation übesexuelle Themen per mobile Messaging. Im engeren Sinn handelt es sich um Dirty Talk zur gegenseitigen Erregung. Jo, das würde ich auch sagen. Wikipedia schreibt weiterhin, und das finde ich wiederum witzig, dass das eine Vorliebe von Teenies und jungen Erwachsenen sei. Ich selbst mag Sexting, allerdings nicht um seiner selbst Willen, sondern ausschließlich als Vorspiel. Oder Zwischenspiel. Denn nach dem Date ist vor dem Date.

Der Tastenwichser dagegen ist meiner Erfahrung nach in jeder Altersgruppe zu finden, die zur sexuellen Anregung oder Befriedigung online geht. Der erste, der mir begegnete, war damals 31, von ihm war zu berichten in der Once upon a time-Reihe. Als zugehörig zur Spezies Tastenwichser kategorisierte ich ihn erst später, weil dann erst mehr empirische Daten vorlagen. Der zweite war 34, wenn auch später. Mit ihm hatte ich sogar telefoniert, monatelang gemailt und gewhatsappt (ich schau jetzt nicht im Duden nach, ob man das so schreibt!). Aber immer dann, wenn wir ein Date ausgemacht hatten, sagte er kurz vorher ab. Den Tastaturerotiker macht eben aus, dass er gar nicht daran DENKT, seine Worte in Realität zu übersetzen, weil er verheiratet oder in ähnlicher geschlossenen monogamen Beziehung lebt und das meist vor dem Sextingpartner geheimhält. (siehe auch -> dämliches, feiges, verlogenes Arschloch).

Dann war da ein ganz besonderer Mann dieser Kategorie, nennen wir ihn XYZ. Auch 31 seinerzeit, er war mein absoluter Favorit, ich investierte viel Zeit und Herzblut in ihn. Bis er plötzlich verschwunden war. Einfach weg. Ich wusste, dass er jemanden kennen gelernt hatte. Zuvor hatten wir schriftlich festgestellt, dass unsere sexuelle Gesinnung höchst kompatibel war. Ihm zumindest konnte ich aus vollem Herzen in einer unserer gemeinsamen Fantasien schreiben: „Ich gehöre dir.“ Wie er mir ins Haar zu fassen gedachte, mich zu begrüßen gedachte, mich zu begutachten und zu behandeln gedachte – all das ließ mich unglaublich auf ihn abfahren. Aber dann war er ja weg. Das kränkte und verletzte mich sehr. Der Haken dahinter war vorhanden, aber nicht in Stein gemeißelt.

Fast gleichzeitig tauchte ein ganz anderer virtueller Mann auf. Sehr gutaussehend, gebildet, in seiner Schreibweise ruhiger und bedachter, tiefer irgendwie, er wirkte fragil auf eine seltsame Weise. Und ich freute mich unheimlich auf das geplante Date, welches spazierengehend in einem Tierpark stattfinden sollte. In Bewegung, damit auch die Gedanken in Bewegung bleiben. Er sagte es kurz vorher ab, warum ist mir entfallen, da es schon zwei Jahre her ist. Er blieb dann lange Zeit stumm, erklärte sich später lang per SMS, dass da eine Menge in seiner emotionalen/psychischen Welt durcheinander sei. Dafür hatte ich natürlich Verständnis und wollte ihn auch loslassen. Etliche Wochen später meldete er sich nochmals, wieder einen Versuch wagend. Ich schlug also Zeit und Ort vor – danach hörte ich nie wieder von ihm. Mit größter Wahrscheinlichkeit ein Tastaturerotiker. Haken hinter. Er ließ sich noch 2-3 Male in einer Besucherliste blicken, sagte aber keinen Ton.

Der Herr von 31 war von mir ebenfalls in einer Besucherliste zu erkennen, wenn auch mit anderem Foto und anderem Nicknamen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihm mein Erkennen kundzutun.

Folgendes ist aus Gründen der Diskretion stark gekürzt, hoffentlich aber trotzdem verständlich nachvollziehbar. Es wird nicht gekennzeichnet, an welcher Stelle ich gekürzt habe. Einige interessante Passagen fallen dabei leider unter den Tisch.

ICH: Ach, da schau her. Der XYZ.

ER: Guten Tag, long time no see oder so ähnlich. Mir scheint, du hast dein Profil im Vergleich zu diesem anderen Anbieter, über den wir uns einst trafen, erweitert, modifiziert, differenziert. Und gleichzeitig haben dein Schreibstil und deine Aussagen nichts an ihrer Bissigkeit verloren. Chapeau! Aber wo ist dieses mega heiße Profilfoto geblieben, auf dem man dich bzw. explizit deinen Prachtarsch in dieser enganliegenden Leder- oder Latexhose sah? Oder existiert dieses Bild nur in meiner Phantasie und du hattest mir davon berichtet, solch eine Hose zu besitzen?

ICH: Dieses Profil hier ist älter, gewachsener, gepflegter, mit mehr Gewicht. Das bei WOANDERS war nur eine kurze Essenz, weil die Ausführlichkeit dort wie Perlen vor die Säue gewesen wäre. Das Bild, von dem du sprichst, hatte ich mal für einen Wettbewerb hochgeladen. Hier dagegen wechsele ich nicht nach Lust und Laune Fotos, hier hat jedes seinen festen Sinn. Und du so?

ER: „[W]eil die Ausführlichkeit dort wie Perlen vor die Säue gewesen wäre.“ Das ist ein sehr schöner Satz, dem ich nur zustimmen kann. Und ich so? Ich war lange Zeit auf keinem Portal angemeldet und habe mein Referendariat beendet. Als dann endlich wieder mehr Zeit für mich da war, musste ich feststellen, dass die Monogamie mich in meinem Leben stark einschränkt bzw. auf Dauer wahrscheinlich nicht glücklich macht, woraufhin ich mich hier angemeldet habe – während meines Studiums in Köln war ich schonmal hier.

ICH: Na, dann viel Erfolg bei dem, was du suchst.

Na? Ist die Kränkung noch erkennbar? (Das war eine rhetorische Frage.)

ER: Dankeschön.
Ich gehe mal davon aus, dass ich dich enttäuscht habe und dies der Grund für das rasche Ende unserer Kommunikation ist. Jedenfalls könnte ich das verstehen.
Ich hatte mich schon gewundert, dass du mir überhaupt schreibst. Und dennoch hat es mich gefreut.
Take carespaetsommer

10. Juli

ICH: spaetsommerDa du dich ohnehin nicht auf Treffen einlassen willst – zumindest nicht mit mir – was willst du dann schon wieder bei mir?

ER: Antizipierst du das jetzt aus unserem über ein Jahr herliegenden Kontakt?

ICH: Ja.

11. Juli

ER: Und wenn ich mich doch gerne mit dir treffen würde, das einzige Hindernis aber ist, dass wir diskret sein müssen und ich nicht weiß, wie du moralisch dazu stehst?

ICH: Ich werte nicht. Männer in Beziehungen sind nur anstrengender… Tatsächlich bin ich nicht mehr in einer offenen Beziehung, habe es aber stehen lassen, weil das nunmal meine bevorzugte Beziehungsform ist. Nichts ist lästiger als Single anzugeben und dann ständig lesen zu müssen „warum hat dich noch niemand gefunden?“ Als wenn alle drauf aus sein müssten, sich in einer geschlossenen Beziehung einzufinden. *vogel*

ER: Erstmal vielen Dank für deine ausführlichen Schilderungen. Da habe ich tatsächlich einiges überlesen. … Abgesehen davon, dass mein müder Geist sich gerade viel lieber ausmalt, was alles passieren würde, wenn ich deine großen, schweren, geilen Titten live vor mir hätte… Dies nur so als kleine Unterstreichung des letztgesagten… Die karierte Boxershort wird bitte ausgeblendet…;) 

ICH: Ohne es zu öffnen, nehme ich an, es ist ein Schwanzbild. Wusstest du eigentlich, dass bei Wikipedia im Eintrag zu „Tastaturerotiker“ ein Foto von dir abgebildet ist?

ER: Haha, das wäre ja zumindest etwas Berühmtheit. Aber ich stimme deiner Einschätzung zu. Das ist schon auch ein Teil von mir. Die Betonung liegt auf EIN. Vielleicht sollte ich dazu eine Homepage verfassen…

ICH: Was du brauchst, ist eine Frau, an der du dich gefahrlos aufgeilen kannst, ohne deine Deckung zu riskieren. Und der es gleichzeitig egal ist, wenn du sie in einem Nebensatz abwertest.

ER: Okay, wenn du das nach wie vor so siehst, können wir das Gespräch hier beenden oder? 

ICH: Du hast den Eindruck gerade wieder untermauert. Und dein Tonfall klingt, als hättest du es provozieren wollen. So wäscht du deine Hände weiterhin in Unschuld.

ER: Nein, ich weiß, dass ich dich damals ziemlich plump und blöd abserviert habe. Und das tut mir leid. Dieses Verhalten war meiner Unsicherheit geschuldet: auf der einen Seite war ich frisch verliebt und auf der anderen Seite fand ich dich extrem spannend. Hinzu kam noch meine moralische Sozialisation bzgl. Monogamie und Fremdgehen. Letztlich hatte ich es nicht geschafft, dieses Dilemma für mich zu lösen geschweige denn offen mit dir zu kommunizieren. Das bedaure ich und ich verstehe deinen Unmut, deine Skepsis, deine Vorsicht. Geht es dir darum, dass ich es mir erst „verdienen“ soll, wieder mit dir in Kontakt zu treten bzw. dass ich beweisen soll, dass ich es wert bin oder dass du Zeit brauchst, um dich darauf einzulassen? Denn einerseits lassen deine Nachrichten darauf schließen, dass du mich für ein komplettes Vollarschloch hältst. Daher auch meine Reaktion. Andererseits schreiben wir gerade miteinander.

ICH: Wenn ich dich für ein komplettes Vollarschloch halten würde, kämst du an mein Profil gar nicht mehr heran. Damals habe ich dich wirklich gewollt. Dass du schon vergeben warst, war zwar doof, aber nebensächlich für mich. Ich erlaube mir immer, ein bisschen verliebt zu sein, wenn ich jemanden will. Ich genieße das Gefühl, als wolle ich eine Beziehung mit jemandem, ohne dass es so ist. Das ist schwer zu erklären. Als du jetzt hier auftauchtest, war ein klitzekleines bisschen von dem Wollen noch da. Allerdings weiß ich mich auch vor Enttäuschungen zu schützen, nämlich in dem ich die Erwartung auf 0 setze. Bei dir bin ich eher in den Minusbereich gegangen. Im Moment erlebe ich dich wieder als sehr unsicher. Gleichzeitig fasziniert mich wieder deine Empathie, wenn du von „verdienen“ und „beweisen“ sprichst. Und ich denke, ich belächle dich auch ein wenig. Der ach so dominante Mann, der doch so unsouverän ist und ganz klein wirkt, wenn es um die Moral geht. Fremdbestimmt eben.

ER: Deine Einschätzung trifft aus meiner Sicht voll ins Schwarze. Und die Auseinandersetzung damit und mit mir führe ich schon lange. Aber gerade sicherlich noch akuter. Insofern suche ich meinen diesbezüglichen Weg noch und das bringt sicherlich Unsicherheit mit sich – sowohl für mich als auch für meine Umgebung – in diesem Falle für dich. Dass du dich dann zurückhältst oder skeptisch bist, ist wahrscheinlich nur sinnvoll und ich kann das nachvollziehen. Was ich mir allerdings wünsche, wenn wir schon schreiben: Sende mir Ich-Botschaften oder stell Fragen. Deine „du“-Äußerungen, was ich brauche oder wer ich bin, empfinde ich als ziemlich bevormundend und unfair. Wenn sie noch aus verletztem Stolz oder Verletzung herrühren, dann hau es einmal richtig raus und gut is. Oder eben nicht, aber dann hat es aus meiner Sicht wirklich keinen Sinn, weiterzumachen.

ICH: Ich würde dir sehr gerne bald mal persönlich begegnen, XYZ.

ER: Das ist doch ein Wort. Und dito. Ich bin ab Samstag erstmal für 3 Wochen im Urlaub. Spätestens danach melde ich mich. Sleep tight.

ICH: Dann wünsche ich dir einen erholsamen Urlaub. *g*

ER: Danke. Wie ich mich kenne, schreibe ich dir ohnehin zwischendurch. Spätestens, wenn ich mein Kopfkino nicht mit irgendwelchen kroatischen Dorfschönheiten beflügeln möchte…;) Die haben einfach nicht deine Reife und nicht solch schöne, schwere und große Titten – u.a….!!!

ICH: Fährst du etwa ohne deine Perle in den Urlaub?

ER: Ja.

ICH: Dann könntest du rein theoretisch meine Telefonnummer mit den Urlaub nehmen?

ER: Das könnte ich. Ich fahre allerdings dennoch nicht alleine. Insofern ist es auch wieder schwierig…:(  By the way finde ich den Begriff „Perle“ schrecklich.

Er fragte nach meinen Urlaubsplänen. Darum berichtete ich, warum ich dies Jahr keine mehr hätte, dass ich ihm aber gerne eine Führung durch meine große Wohnung anböte.
ER: Uuuh, yeah. Da bin ich dabei. Beste Voraussetzungen für den TüraufichsagdirwasdujetztmachstSex….
ICH: Du musst jetzt Koffer packen.
ER: Wird gemacht.
In welchem dieser zahlreichen Ballungszentren liegt denn deine Kemenate?
ICH: Da, wo’s am Schönsten ist! *baeh*
ER: Wuppertal.
ICH: rofl
15. Juli
ER: Ich möchte gerne nochmal dein Gesicht sehen.
ICH: Aber nicht in die Augen spritzen!
ER: Hmmm. Ich mag dein verschmitztes Lächeln.
ICH: Was erregt dich beim Gedanken an mich, ohne mich zu sehen, mich zu riechen, mich zu schmecken?
16. Juli
ER: Dein Einwand ist berechtigt. Ich habe mir die Begegnung mit dir einfach erregend vorgestellt, aber ob sie das wirklich ist, kann ich natürlich nicht wissen.
ICH: Mach nicht den gleichen Fehler wie ich, jemanden zu idealisieren, dem du noch nie begegnet bist. Eine mögliche Enttäuschung ist dann umso größer.
ER: Okay. Wird erledigt. Ich stimme dir zu und danke dir für deine Ehrlichkeit bzw. Offenheit.
ICH: Das sind meine hervorstechendsten Eigenschaften. Neben meinen Titten.
ER: Beide Komponenten machen mich an. Sowohl die körperliche als auch die charakterliche.

Wann er aus dem Urlaub zurück sein würde, denn auch er sprach hin und wieder davon, dass wir uns bald zum Beschnuppern treffen sollten.

ICH: Vom 8.-11.8. habe ich Besuch, und ab dem 5.8. werde ich mich daher in Enthaltsamkeit üben. Das nur zur Info.

ER: Bei einem Klaps wird es wohl nicht bleiben…;) Urlaub benötige ich auch nicht für ein Date. Ich habe nur aus Interesse gefragt bzw. ging es um deine Flexibilität.

ICH: Wenn wir beide uns nicht verstehen, sind sogar 2 Jahre unseres (jedenfalls gefühlt meines) Lebens flöten. Allerdings ist das mit dir das längste Vorspiel ever. Immerhin hat es schon für einen Rekord gereicht.
ER: Wobei es ja z.B. sein kann, dass es menschlich passt, aber sexuell nicht. Oder umgekehrt, wobei es dann unwahrscheinlicher ist, dass es überhaupt zum Sex kommt. Und vielleicht passt es für einmal oder für häufiger. Who knows. Ergo müssen mehrere Aspekte passen. Lassen wir es drauf ankommen… Meine Stimme darfst du auch schon vorher checken, wenn du möchtest.

Hier also begann unser WA-Kontakt mit Audionachrichten. Irre. Er weiß genau was er tut. Und seine Stimme geht mir durch und durch. Ob ich will oder nicht, das Timbre hat eine Wirkung auf mich, dass ich butterweich werde.

ICH: Btw: wohnst du mit deiner Freundin zusammen oder hat jeder von euch seine eigene Wohnung?

ER: Ja, wir wohnen (leider) zusammen. Aber es ist gerade einiges in Bewegung bei uns.

ICH: Oh, Scheiße! Das fiel mir ja gerade erst auf: Du Mistkerl hast mich mein Keuschheitsvorhaben brechen lassen, und ich habe es nicht einmal gemerkt!

ER: Tja…;)

ICH: War das Absicht? *g*

8. August 

ER: Nein.

Und da – war er weg. Gelöscht. In ziemlicher Panik schrieb ich ihm bei WA, ob sich nun alles wiederhole. Es klärte sich auf, dass er in der Auseinandersetzung mit seiner Beziehung, seiner Freundin, deren Zukunft keine weiteren Nebenschauplätze haben wolle, wir nun unser beider Nummern hätten und in Kontakt stünden. Er bat mich um Geduld, ihn klären zu lassen, ob und wie es weiter gehe. Gerne wollte ich diese Geduld aufbringen, sonst hätte ich ohnehin keine Chance gehabt. Mister Essen half zwischendurch dabei, Herr „Wie gewonnen….“ eher nicht. Nach zwei grundsätzlich körperlich befriedigenden Treffen mit einem weiteren Schnittchen schoss ich diesen ab. Es stellte sich heraus, dass das von ihm in Aussicht gestellte Prinzip der Freundschaft + nur das Plus beinhaltete, aber es für ihn nicht in Frage käme, mit einer fast 20 Jahre älteren Frau unter Umständen auch seinen Freunden und Kollegen zu begegnen. Nö. Wenn du dich nicht zu mir bekennen möchtest, bekommst du den Rest auch nicht.

Seit gestern Nacht um 1:51 Uhr weiß ich nun, XYZ ist KEIN Tastaturerotiker!

to be continued…

Eat. Fuck. Sleep. Repeat.

Diesmal war es kein Abenteuer, denn wir wussten beide, worauf wir uns einlassen. Auf gutes Essen, guten Sex und ein Miteinanderauskommen, auch wenn wir nächtelang das Bett teilen. Eigentlich könnte diese Geschichte hier enden, aber sonst würde ich für mich nicht das herausstellen, was so wunderbar daran war. Es hat mir nämlich gezeigt, worauf ich nicht verzichten will, selbst wenn nicht er derjenige welche ist. Nämlich wirkliche Nähe.

Auch dieses Mal kam er mit der Bahn und hatte auch dieses Mal eine Flasche von die Likör dabei, die so schön hat gelaufen über meinen Körper. Dieses Mal kam er aber mit Köfferchen statt nur mit Rucksack, da er vergleichsweise länger bleiben würde.

Umarmung, Küssen, sein verspätetes Geburtstagsgeschenk übergeben. Gemeinsam entscheiden, dass wir erstmal was essen, aber nicht kochen möchten. Also holten wir uns einen Döner, da die Gefahr bestand, dass wenn wir ohne Essen im Schlafzimmer beginnen würden, wir später keine Lust mehr darauf haben könnten, wieder aufzustehen. Der Dönermann grüßt mich ja immer so nett, wenn er an meinem Balkon vorbeiläuft. Jetzt zwinkerte er mir zu, weil äußerlich erkennbar war, in welchem Verhältnis Mister Essen und ich zueinander stehen. Nach dem Döner hatten wir noch Lust auf Sex, also war alles im grünen Bereich.

Wir wiederholten Vieles. Aber es war dennoch neu, denn jetzt kannten wir die Punkte des jeweils anderen und wussten zu variieren. Die Gurke war neu. Im Vorfeld hatten wir zwar über Gurkensalat gesprochen, aber nachdem sie im Einsatz war, haben wir schlichtweg vergessen, sie zu Essen zu verarbeiten.

Wegen der vielen schönen gemeinsamen Zeit gingen wir sogar shoppen (das Teil, das ich mit ihm kaufte, wird mich nun immer an ihn erinnern, und es hat sich gerade als meine Glücksbluse herausgestellt). Und da wir schon in der Stadt unterwegs waren, gab es natürlich auch eine stümperhafte Führung der Sehenswürdigkeiten. Wir waren erst an der falschen Tür der großen Kirche und landeten in einer Kleiderkammer – ein Fest für Karneval, wenn du dich als Priester verkleiden möchtest! – und ach du meine Güte, roch das da! Ich weiß nicht, ob es Weihrauch war, oder ob die Ministranten kifften. Im Innern fühlte ich mich wie eine Touristin in der eigenen Stadt. Schöne Kirche haben wir. Doch. Muss man sagen.

Oh. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass er sich nach unserem letzten Treffen verliebt hat. Nicht in mich, sondern in eine Frau, die ihm vorgestellt wurde, weil beide Singles sind. Oder waren. Jedenfalls hat es da wohl geschnackelt, die beiden haben auch viel mehr gemeinsame Interessen, wohnen näher beieinander, sind im gleichen Alter. Und trotzdem wollte er auf die Zeit mit mir nicht verzichten, hat schließlich sogar gemeint, wir würden in diesem Jahr sicher noch zwei weitere Wochenenden schaffen. Aber sie ist eben auch ganz anders als ich, unsicherer, nicht so frei in ihrem Denken und Tun. An sie musste ich einmal denken, als er mich so leidenschaftlich und liebevoll vögelte, dass ich dachte – wie muss er erst dann die Frau ficken, in die er verliebt ist! Aber vielleicht ist meine Schlussfolgerung ja auch falsch, dass es dann besser sein muss…

Ich habe es genossen, ihm auf meinem Balkon die Hautfusseln vom „Sonnenbrand“ des frischen Tattoos abzuzupfen, und er genoss es so sehr, angefasst zu werden und Gänsehaut zu bekommen. Beim Duschen sanft rubbeln, hinterher eincremen, seinen freien Oberkörper zwischendurch nach losen Stellen untersuchen. Mein Vermieter hat auch mal interessiert hochgeschaut. Und meine Nachbarinnen hat er auch kennen gelernt – einmal, als ich ihn für den Freitag alleine, aber den falschen Haustürschlüssel hinterließ und sie ihm dann die Tür öffnete, die zweite gemeinsam mit mir vor der Haustür. „Ich habe gehört, dass es geklingelt hat, aber ich war noch nicht angezogen, und das Bild hätten Sie nie wieder aus dem Kopf bekommen.“ Witzig isse ja. Doch. Kann man sagen. Meine Mutter ist in ihrem Alter und hätte das nicht hinbekommen.

Seither haben wir relativ wenig geschrieben. Er ist direkt von mir für eine Woche zu ihr gefahren, und im Verlauf wurde es immer enger mit ihr. Wenn er entscheidet, auf weitere Wochenenden zu ihren Gunsten zu verzichten, dann werde ich ihn zwar vermissen, aber das bisher Geschehene kann mir keiner mehr nehmen.

Wie gewonnen, so zerronnen

Alles ging rasend schnell. Die Nachricht im Posteingang am Montagabend schlug bei mir dermaßen ein, dass er mich sofort hatte. Er war echt, ungezwungen, ich hörte ihn beim Schreiben denken, sein subtiler Humor und seine vielmehr beiläufig gestreuten sexuellen Hinweise sagten mir: der will wirklich dich. Darum antwortete ich schnell und ebenso ungezwungen, ohne viel Tamtam, nahm seinen Nickname per Youtube mit ins Bad und hörte den dazugehörigen Musiker, während ich duschte. Diese Art der Kontaktaufnahme mit jemandem war mir neu, funktionierte aber sehr gut, weil eben die Musik eine weitere Ebene des Verstehens schaffte. Frisch geduscht schrieb ich gleich weiter, und das von ihm unterstellte fehlende Schamgefühl ließ uns gleich über internalisierte Schuld und Scham philosophieren. So tief war ich mit einem Fremden noch nie nach 30 Minuten. Weitere 30 Minuten später schlug ich vor, das Gespräch auf das Telefon zu verlegen, was wir 30 Minuten später auch taten, nachdem er lauter Zeugs erledigt hatte. Die 67 Fragen beim ersten Date einer ominösen Flirtakademie dienten uns als Aufhänger. Zwar wählten wir jene aus, die wir am wenigsten doof oder auch brauchbar fanden und leiteten weitere Fragen ab („welches Buch, das du nur deshalb gelesen hast, weil es alle gelesen haben, hat dich enttäuscht?“), aber das Gespräch war in einem angenehmen Fluss und fühlte sich an, als würden wir uns schon länger kennen. Und es führte zur gemeinsamen Entscheidung, dass er am kommenden (also jetzt fast vergangenen) Wochenende zu mir kommen würde. Am nächsten Morgen jedoch war eine lange Mail im Eingang, sehr selbstkritisch und insgesamt sehr nachvollziehbar. Auszug: „Ich will dich nicht mit meinem persönlichen Für und Wider langweilen. Nur so viel: am Ende geht’s mir glaub ich ein kleines My weniger schlecht in der Rolle des moralisch integeren, aber sexuell Frustrierten, als in der Rolle des Fremdgehers.“ Er fügte noch hinzu, er sei wie ein Hund, der immer den Autos nachbellt: Total überfordert, wenn wirklich mal eines anhält. Ja, Mist. Enttäuschung und Trauer meinerseits am frühen Morgen, weil ich den Eindruck hatte, einen wertvollen Menschen verloren zu haben. Aber ich antwortete ihm, dass der Kontakt deshalb nicht völlig abreißen müsse, denn ich sei in der Lage, nicht nur meine Beine breit zu machen, sondern auch mein Herz. Also schrieben wir uns weiter, kürzer, auch auf anderem Kanal. Ein Tag verstrich, am Donnerstag saß ich an meinem Schreibtisch mit etwas Muße, da schlug er vor, er könne am Samstag entweder um 8 oder um 12 hier sein. Ich schlug bei 12 ein, nachdem ich erfuhr, was denn nun mit dem My sei – das habe sich in den letzten Tagen zu meinen Gunsten verschoben. Ich war froh und erleichtert, vorfreudig. Abends telefonierten wir noch einmal, griffen wieder ein paar der 67 Fragen auf, und alles war wie vorher. Ich würde etwas zu Essen vorbereiten, was wir zu uns nehmen können, wenn uns danach ist, ohne eine Stunde mit Kochen zu vergeuden. Das war der Plan. Am nächsten Morgen wieder eine Mail im Eingang, gesendet um 2.34 Uhr: „Es tut mir wirklich leid, aber meine Nachricht von Dienstag hat wieder volle Gültigkeit. Ich meld mich jetzt hier ab, das verwirrt mich gerade alles mehr als mir gut tut. Bin noch über Whatsapp erreichbar. Entschuldigung für das Hin und Her.“ Weil ich weiß, dass meine impulsiven Reaktionen nicht immer die besten sind, schrieb ich ihm dort gegen 8.30, ich würde jetzt so tun, als hätte es die letzten Tage nicht gegeben. „Ist wohl für alle besser so“, so seine Antwort.

Sowas würde ich kein weiteres Mal durchstehen.

Billisch

In einer Regionalbahn irgendwo zwischen Düsseldorf und Duisburg an einem späten Samstagnachmittag.

Junge Damen in einer Viererlounge, von denen 3 offenbar zusammengehören und die Vierte nur Pech hat, dass dort noch ein Platz frei war. Die 3 Damen sprechen ziemlich laut, zischen die ch-Laute in jedem Wort wie in einer schlechten Bülent Ceylan-Parodie.  Zwischen ihnen stehen Einkaufstaschen aus Papier mit verschiedenen Markenaufdrucken. Sie tragen ihre Sonnenbrillen an diesem verregneten Tag im Haar.

„Isch meine doch nur, dass die Brüste von Mandy zu groß für den Rest von ihrem Körper sind. Da passen die Proppetionen nischt mehr. Aber sonst finde isch sie ja auch toll.“ Dabei fährt sie mit ihren Nägeln durch ihr blond-und schwarz-gesträhntes Haar. Die Nägel sind ebenfalls halb weiß und halb schwarz. Längs. Sie trägt offene Schuhe, so Latschen mit pinken Fellpuscheln vorne. Früher nannte man sowas Hausschuhe, heute ist es heißer Scheiß bei Wish.

Die Vierte ist sichtlich genervt. Das T-Shirt mit Oomph-Aufdruck, ihr schwarz bemaltes Gesicht, ihre Stiefel mit Nieten schreien: holt mich hier raus!

Mandy antwortet: „Aber die Menschen haben ja auch unterschiedlich große Brüste. Da kann jeder haben, womit er sisch wohlfühlt. Isch fühle misch mit diesen total wohl, sie unterstreichen meine Persönlischkeit.“

Es folgt ein Gespräch über Nicolle, die heute leider nicht dabei sein kann, weil sie gerade mit Rico Schluss gemacht hat und darum voll am Boden zerstört ist.

Während ich ihnen zuhöre, läuft die ganze Zeit in meinem Kopf ein Lied.

Sie war nicht besonders helle
sie war eher etwas schlicht
sie lachte immer an der falschen Stelle
und leise lachte sie nicht
In ihrer Wohnung hingen Poster
von den Backstreet Boys und Take That
sie las keine Bücher
höchstens mal einen Douglas-Prospekt
Wen interessieren schon innere Werte
wenn die Verpackung so dermaßen stimmt
das, was ich an ihr begehrte
waren nicht ihren inneren Werte
Ihr Körper entzündete ein Feuer
und ihre Stimme blies es wieder aus
es kam wirklich so ungeheuer
viel aus ihrem Mund heraus
Sie kicherte in ihr Handy
und schrieb den ganzen Tag SMS
ihr Name war tatsächlich Mandy
na und, gibt Schlimmeres
Nur die Pointe des Liedes passt sicher nicht dazu, aber dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Zeh dabei sowas vor Augen hatte.
Mandy zupft ihre kurze Leggings zurecht, reckt sich und macht die Blicke frei für ihre schnörkeligen Tattoos. Sie schürzt ihre Schlauchbootlippen, bevor sie einen Schluck Evian trinkt, dabei scheinen ihre pinken, 5 cm langen und nach unten gebogenen Fingernägel etwas störend zu sein, denn der Deckel fällt ihr beim Wiederaufschrauben zweimal herunter.
„Mansche sagen ja, isch bin billisch. Aber billisch auszusehen kann ganz schön teuer sein. Hallo – die Brüste, die Lippen, die Stirn, die Tattoos, die Klamotten – das muss alles auch bezahlt werden. Eigentlich bin isch ganz schön teuer.“ Und dann lachen alle. Laut. Sogar die Umstehenden. Nur ich, ich schreibe schon in Gedanken diese Geschichte. Und die Schwarze schneuzt sich hörbar.

Essen.

Ein Teekesselchen. Höhö.

Mit dem Handy in den Chat war blöd. Mit Notebook dagegen ist es wie früher. Für den Quizabend muss man auch echt fix tippen können, sonst hat man keine Schnitte. Und es hat sich gelohnt: ich habe eine virtuelle Trophäe bekommen! Nach dem Happening blödle ich mit einer mir nicht unähnlichen Mitchatterin herum und mische mit ihr den Raum ein bisschen auf. Ohne jegliche Provokation kann es da nämlich recht still sein, man glaubt es kaum.

Von der Seite schaut jemand unserem Treiben zu. Reagiert eher mit kurzen Sätzen und nachdenklichen Smileys. Richtig so: er macht sich in Ruhe ein Bild, mit wem er es da denn zu tun hat. Weil meine Wunschsuperkraft, sollte jemals die gute Fee kommen und mich fragen, Gedankenlesen ist, tippe ich in seine Richtung: „Sag doch auch mal was dazu, Hase. Ich habe doch recht, nicht wahr?“

Ein Kosewort baut Verbindung auf. Das Gegenüber fühlt sich gesehen. Je abwegiger der Kontext ist, umso eher.

Mitchatterin fragt ihn, wie alt er sei. 33, antwortet er. Sie sofort mit lachendem Smiley: „Deiner, Luderliederlich!“ Sie weiß um meine Vorliebe, die bei ihr genau umgekehrt ist. Darum verstehen wir uns auch so gut: wir graben uns nicht gegenseitig das Wasser ab! Es ist Samstag.

Am nächsten Abend begegne ich ihm wieder. Eine andere Blödeldame und ich entscheiden einfach, ihn als Sklaven einzusetzen. Sie sucht einen Putzsklaven, und kochen dürfe der auch, ich erhöhe auf 24 Stunden-Sklave: davon dürfe er 8 Stunden insgesamt schlafen, 8 Stunden kochen, und die anderen 8 Stunden seien für sexuelle Gefälligkeiten, insbesondere als Lecksklave. Diese Offensivität gefällt ihm offenbar. Im Hintergrund schreibt er mir, er habe da sehr viel Ausdauer, nicht dass ich vor Ablauf der 8 Stunden schlapp machen würde. Ebenfalls im Hintergrund schlage ich vor, weil doch am nächsten Donnerstag ein Feiertag sei, würde ich die 24 Stunden dorthin legen und es darauf ankommen lassen, die Herausforderung anzunehmen. Er schlägt ein. Wir sind beide in Abenteuerlaune, entscheiden, nur grobe Eckdaten auszutauschen und uns ansonsten überraschen zu lassen, und dann erhält er meine Adresse. Es ist Sonntag.

Ich erhalte per Mail von ihm eine Einkaufsliste für das Menü, das er geplant hat. Den Großteil habe ich ohnehin da, ein paar Kleinigkeiten sind schnell besorgt, und für das Filetsteak von der Färse muss ich auch nur zum nächsten Fleischer 6 km weiter. Abends telefonieren wir. Tauschen uns darüber aus, ob unsere gutgläubige Vertrauensseligkeit nun Naivität oder einfach positives Urvertrauen ist. Wir einigen uns auf Letzteres. Und was habe ich zu verlieren? Wenn er kneift, hat er den größeren Verlust. 😉 Er dagegen sagt sich, dass er diese Gelegenheit für unkomplizierten Sex mit einer Prise Abenteuer so schnell nicht wieder bekommt. Dabei lässt er gleich durchblicken, dass er eine Übernachtung geplant hat. Ups, so weit war ich doch gar nicht! Zumal ich zugesagt habe, am Freitagvormittag bei einem Umzug mit anzupacken. Es ist Montag.

Urlaub. Zuhause Sachen erledigen. Er lädt ein Foto hoch, das einen richtig süßen Apfelpo und daneben ein Attribut offenbart, welches ich eigentlich bei Männern nicht mag. Eigentlich. Es ist Dienstag.

Vorbereitungen treffen, an mir selbst, der Wohnung und für den Inhalt des Kühlschrankes. Massageliege aufbauen. Noch typischen Urlaubskram erledigen. Zwischendurch tippen wir immer mal, aber ich achte darauf, nichts zu erwarten. Es ist Mittwoch.

Es ist Donnerstag, und ich gehe ihm entgegen, um ihn vom Bus abzuholen. Auf den ersten Blick hätte ich ihn ohne den Vorlauf wohl nicht angesprochen. Eigentlich. Was ich jetzt sagen kann: er hat blitzende Augen, Sommersprossen und ein traumhaftes Lächeln! Zuhause gibt es noch eine Umarmung und einen kleinen Kuss, dann beginnt er, in der Küche zu rumoren. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen, wie er sich offensichtlich wie zuhause fühlt und nur gelegentlich einen Tipp braucht, wo er etwas zu finden hat. Mein Kochsklave weiß, was er tut, denn er hat das gelernt. Und was er da fabriziert, ist köstlich! Die Sellerie-Apfel-Cremesuppe esse ich noch Tage später, das Steak mit Salat und Süßkartoffeln verputzen wir natürlich sofort. Und was ich in den paar Minuten über das Dressing gelernt habe, hat alle meine folgenden Dressings seitdem um Längen verbessert! Dass er nebenbei meine Küche putzt, nehme ich wohlwollend zur Kenntnis…

Danach gönne ich ihm eine Pause, und weil wir so satt sind, fläzen wir uns mal auf das Bett. Ich weiß nicht mehr genau, wie es losging oder wie eingeleitet, aber er übernimmt die Initiative, geht zum Knutschen über, und schon tragen wir kaum noch Kleidung. Er widmet sich dem Teil, den er versprochen hat, und ich genieße. Und genieße. Es gibt ja so Schwätzer, die das Maul weit aufreißen und dann schnell beweisen, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Nicht so er. Mit Inbrunst, Zeit, Liebe und Lust spielt er mit mir und kümmert sich um mich. Vergisst auch dabei das Küssen nicht. Etwa eine halbe Stunde später darf ich dann auch mal Hallo sagen und bin erst irritiert. Da ist ein körperliches „Handicap“, welches sich die meisten Männer schon längst hätten beseitigen lassen. Nicht so er, da er es genießt, dadurch so unempfindlich zu sein. Und den Rest des Wochenendes lerne auch ich es zu genießen! Ich bin erst von einem einzigen Mann derart lange, leidenschaftlich, liebevoll, nah, dreckig und gut gevögelt worden. Und das ist schon 3 Jahre her.

Später gibt es Nachtisch, den er zuhause vorbereitet hat und bei mir fertig stellt. Der Nach-nachtisch findet wiederum im Bett statt. Mandelsahnelikör, den er mir auf exponierte Stellen gießt. Was für ein leckeres Zeug! Klebt nicht und macht ein echt heißes Gefühl, wenn es genüsslich und ausdauernd abgeleckt wird. Ich mache es ihm nach und garniere den Apfelpo damit. Mhm, jedes Züngeln lässt ihn aufstöhnen. Ein Richtungswechsel lässt ihn aufstöhnen. Seine Überraschung lässt ihn aufstöhnen. Meine Lust lässt ihn aufstöhnen. Mein beherzter Griff an die Wurzel und langsame Massage lässt ihn aufstöhnen. Meine neugierige und nasse und liebevolle und fordernde Zunge lässt ihn aufstöhnen. Alles zusammen macht mein Bett ganz. langsam. nass.

Wir können gar nicht aufhören. Und darum schlage ich ihm vor, dass er nicht am nächsten Morgen wieder abfährt, sondern einfach eine Nacht länger bleibt. Er schlägt ein und vögelt mich gleich nochmal.

Freitag holt er Brötchen, wir duschen zusammen, frühstücken und finden uns dann bei dem Umzug ein. Es ist seine Idee, er könne doch einfach mitkommen. Und da er niemand ist, den ich verstecken müsste, lernen meine Bekannten ihn einfach kennen. Was da noch alles an Drumherum und lustigen Gesprächen stattfand, lasse ich aus Gründen des Identitätsschutzes leider aus. Nützt ja nix. Wäre allerdings eine eigene Geschichte wert.

Wir gehen zusammen einkaufen, denn neue 24 Stunden erfordern auch neue 8 Stunden Kochkünste. Ich lerne Zutaten kennen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren und deren Geschmack in dieser Kombination grandios ist! All dies steht ja weiterhin in meinem Gewürz- und Vorratsschrank. Und diverse andere Menschen sind auch schon in den Genuss meiner neuen Kochkünste gekommen…

Nachmittags bekomme erst ich eine Massage auf der Liege – warum eigentlich? Ich glaube, ich habe ihm eine als Ausgleich für das schwere Tragen versprochen (und er hat sich wirklich nicht geziert, bei ihm völlig Fremden so richtig mit anzupacken – ein herrlich unkomplizierter Typ!), aber dann kann er es doch nicht abwarten, an mir herum zu kneten. Und selbst das tut er rich-tig gut! Es ist mit ihm nicht ganz so wie mit dem anderen Massageliegenmann (siehe dort), weil er einfach viel netter und lieber ist, aber es ist nicht minder heiß, nass und leidenschaftlich. Trotz seiner Größe ist die Liege nicht mehr das richtige Medium, und ich werde auf das Bett gebeten. Wo ich so lange gelöffelt werde, bis er ausruft, er sei schon ewig nicht mehr so schnell gekommen. Das fünfte Kondom, das wir brauchen, ist das erste, das er füllt. Alles andere ist akribisch einmassiert worden.

Abends gehen wir um die Ecke essen. Es wird einfach nicht langweilig mit ihm.

Nun ist endlich seine Massage dran. Verspannt ist er überhaupt nicht, Sportler eben. Aber es ist schön, die feste und glatte Haut zu massieren. Ihn wieder rallig zu machen, indem ich die Pobacken knete. Ihn immer nur so weit tease, dass er schon wie ich anfängt, zu zappeln. Und da ich nun um seine neue Freude weiß, auch seinen Po ins Liebesspiel einzubeziehen, widme ich mich diesem umso mehr. Ganz lange, mit noch mehr Babyöl. Und ich gehe immer wieder mal auf die andere Seite, bewege mich, damit er Gelegenheit erhält, mit seinen Fingern kurz an meiner Möse entlang zu streichen, damit er merkt, wie sehr auch mich das anmacht. Meine Finger massieren und teasen, streichen durch die Pofalte, was ihm hörbar gefällt. Der Zeigefinger kreist, drückt, kreist und drückt. Der Mann dazu windet sich, stöhnt, mein Zeigefinger kreist und drückt. Ich sage „Lass mich rein.“ Und er lässt mich sofort. Er spürt irgendwas klopfen, massieren, drücken, stöhnt „Hammer!“ – „Darf ich vorstellen: deine Prostata.“ Schade, dass ich sein Gesicht nicht sehen kann. Das nächste Mal lasse ich ihn dabei auf dem Rücken liegen. „Ich muss dich jetzt ficken!“ springt er von der Liege, drückt mein Gesicht in die Kissen, fummelt das nächste Kondom aus der Packung und schiebt mir kurz den Schwanz in die nasse Möse, um ihn mir sofort darauf durch die Rosette zu drücken. Er teast nun mich mit seinem Schwanz, lässt langsam gleiten, hält inne, langsam gleiten. Ich reibe mich dabei, weil seine Lust mich gerade ganz wahnsinnig macht, und während ich mich noch frage, ob ich noch einen Dildo dazuschieben will, fickt er mich plötzlich wie ein Irrer. Er scheint selbst überrascht über seine Geilheit, denn er meint „du hast es dir selbst zuzuschreiben, wenn du mich so anspitzt, dass ich deinen Arsch benutzen muss, um meinen Druck loszuwerden“. Da mein Gesicht auf dem Bettlaken, die Hände unter meinem Becken und das Becken selbst von zwei Händen nach unten gedrückt wird, kann ich nur innerlich und nicht tatsächlich mit der Schulter zucken.

Am Samstag holt er wieder Brötchen, wir duschen zusammen, frühstücken. Das Gesamtpaket ist wundervoll, es fühlt sich irgendwie nach Beziehung an, ist aber keine – gottseidank, denken wir beide. Ein naher, warmer Abschiedsfick, dann bringe ich ihn zum Bahnhof.

In zweieinhalb Wochen kommt er wieder. Für 3 Übernachtungen.

 

 

 

Das Ganze nochmal von vorn.

Noch am gleichen Abend schrieb er mir, dieses Mal sei es anders. Er sei das erste Mal nach einem Seitensprung psychisch gestärkt nach Hause gefahren. Er konnte die Zeit mit seiner Familie genießen und sagte sich: es ist ok. Ich habe niemandem etwas weggenommen. „Ob wir dem noch einmal nachgeben, kann ich jetzt nicht sagen, aber egal, was danach auch war: Ich bin inzwischen froh, mit dir geschlafen zu haben.“

Einen Tag später änderte sich seine Ausdrucksweise. Ich war wieder das „geile Stück“. Und als ich ihm berichtete, dass am Wochenende danach jemand mit zwei Übernachtungen bei mir meine Laune erheblich gehoben habe, fand er sogar äußerst inspirierend, wie angespitzt ich war. Er sei ein wenig eifersüchtig gewesen, teilte dann dennoch mit mir die Lust. In diesen Tagen wusste ich gar nicht, an wen ich denken sollte, wenn ich so heiß war, dass ich es mir selber machen musste – an ihn, den zweiten oder einen flüchtigen Dritten. Wir bauten nebst weiterhin stattfindenden geistig intimen Gesprächen unsere Lust füreinander extrem auf. Schließlich stand fest, dass er am letzten Wochenende viel Zeit haben würde, da er alleine und unbeobachtet sein würde. Meine lüsterne Frage, ob er bis nach dem Frühstück bleiben würde, wurde von ihm bejaht.

Wow, so viel Zeit, sich zu erkunden und zu überprüfen, womit ich ihn vielleicht (wie den zweiten) würde überraschen können! Löffelnd einschlafen oder aufwachen, quatschen, Sex, Essen… Meine Erwartung wurde natürlich gefeuert von jenem Erlebnis mit dem anderen (nicht zu viel vorwegnehmen, luder!). Und ja, letztlich ist es dann mein Problem, wenn ich enttäuscht werde. Nicht er trägt die Verantwortung für meine Erwartungen, sondern ich selbst.

Als er am Samstag durch die Tür kam, musste ich ihn erst küssen. Und wie das halt so ist, wenn ich gierig und ungeduldig bin, schmiss er mich wenige Minuten später auf das Bett. Eine halbe Stunde später verwandelte er sich wieder. Zwar war es diesmal kein Eis, kein gelöschtes Feuer, aber er hatte wiederum umentschieden. Mit mir sei das insofern zu nah, als er wirklich seine Ehe gefährden würde, wenn es weiterhin so körperlich wäre. Die Freundschaftsebene, die philosophischen und psychologischen Gespräche mit mir wolle er jedoch nicht missen. Ok. Ich akzeptiere.

In der Küche war er ständig auf der Flucht vor mir. Als ich während des Kochens die Richtung wechselte, um zum Kühlschrank, zur Spüle, zum Herd und wieder zurück zu gehen, wich er mir aus, um mir körperlich nicht nahe zu sein. Oder besser: damit ich ihm nicht zu nah kommen konnte. Erst, als ich ihn auf einen Stuhl setzte, konnte ich endlich in Ruhe kochen.

Die Entscheidung stand fest. Wir schauten noch animierte Comics, sprachen über Filme, Spiele, unsere Arbeit. Und nach 5 Stunden fuhr er nach Hause. Er wolle mit seiner in der Ferne weilenden Frau telefonieren. Hachja. Verrückter Weise mag ich ihn wirklich so sehr, dass es mich nicht verletzt.

 

_…….

 

Oje.

Warum mir?

Die erste Geschichte, seit ich wieder richtig tippen kann, und dann ist es gleich eine, die mir dringender ist, als all das Halberstellte zu komplettieren. Das muss noch warten.

Momentan bin ich einfach traurig und tu mir selbst ein wenig leid. Es sollte ganz anders werden, le-gen-där. Und dann war viel zu schnell Schluss mit der Vorstellung, dass ich den Jackpot geknackt habe.

Letzten Mittwoch nahm er Kontakt mit mir auf. Und ich war so dankbar, denn so so so lange gab es niemanden mehr, der mir auf Anhieb und vollumfänglich zusagte. Das Anschreiben, das hinterlegte Profil, die Eckdaten, all das sagte: ich passe total geil zu dir! Jede weitere Mail verstärkte das noch, denn wir verstanden uns auf mehreren Ebenen hervorragend. Unsere Denke, unsere Haltung, unsere Interessen, unsere Vorlieben, unser Humor, unsere Bücher, selbst unsere Jobs spiegelten sich. Nein, das gehört nicht in die Vergangenheitsform, denn es ist ja noch immer so – das ist es, was es so traurig macht. Wenn zwei Menschen auf so vielen Ebenen wie Arsch auf Eimer passen, dann ist doch nachvollziehbar, dass der Wunsch und die Vorstellung entsteht, dass eine stabile Verbindung aufgebaut werden könnte. Dies feuert meine Leidenschaft noch, denn je aussichtsreicher die Voraussetzungen sind, umso mehr engagiere ich mich.

Aus den Mails wurde Feuer, richtiges Feuer, welches ich in der Zwischenzeit 4-5 Male heftig aufflackern ließ, damit es mich nicht innerlich zerreißt. Und so änderten wir den Plan, uns nächsten Mittwoch zu treffen auf Sonntag, 9.30 Uhr. Dass ich niemals viel Zeit mit ihm verbringen könnte, weil er immer ein Alibi braucht, das war mir bekannt, und ich wollte es in Kauf nehmen.

Ich war lange nicht mehr so aufgeregt, bis er aufschlug. Vielleicht noch das letzte Mal, als Strahlemann zu mir kam. Diesmal machte ich erst die Tür hinter ihm zu, führte ihn kurz durch einen Teil meiner Wohnung, sogar Kaffee kochte ich. Er war es dann, der das wilde Knutschen begann, aber ich war es, die den Raum wechselte, damit wir die Kaffeebecher nicht umstoßen. Schon im Vorfeld schrieb er mir, wie er sich das vorstellte, und ich antwortete mit „ich grinse in mich hinein und korrigiere dich in Gedanken, aber schreib mal weiter.“- „Jetzt bringst du mich ein wenig aus dem Konzept, was stimmt denn damit nicht?“- „Ich werde anwesend sein, und darum wird das Tempo ein ganz anderes sein.“

Ja, und dann bekam er eine Idee davon, wie ich das meinte. Atemlos, leidenschaftlich, gierig, fordernd. Wie zu erwarten war harmonierten wir auch im Bett. Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis wir beide die Flamme unter Kontrolle hatten. Zufriedenes Lächeln beiderseits, welches signalisierte: ja, so soll das sein. Wir fühlten uns wohl miteinander (und um das vorwegzunehmen: wir tun es noch.)

Plötzlich kippte etwas in ihm Eis in das Feuer. Das Schuldgefühl. Dieses kannte er schon, es übermannte ihn schon oft, regelmäßig, in meinem Falle wieder, und vielleicht noch stärker. Denn da ist unsere Verbindung – sehr schnell entstanden, und dennoch unleugbar. Die machte es noch schlimmer, denn es war nicht nur körperlicher Sex.

Mann, tu ich mir leid. Ob da Tracy Chapman im CD-Spieler wohl die richtige Wahl ist?

Er muss klar bekommen, was er eigentlich will und warum er das tut. Er muss die Sucht in den Griff bekommen, denn das Gefühl hinterher macht ihn fertig. Da ist er bei mir nun an der richtigen Adresse, denn ich mag ihn wirklich sehr und will, dass er sein Problem irgendwann löst. Auch wenn das bedeutet, dass wir keine Affäre miteinander haben. Deshalb und damit unser Kontakt hiermit nicht einfach beendet ist (und nein, nicht berechnend, ihn zwischendurch wieder zu vernaschen, wenn er schonmal hier ist) werden wir eine weitere Ebene in diese Verbindung einfügen: Die Beratungsebene. Mal sehen, was ich für ihn tun kann, und was er für mich tun kann, indem ich an ihm meine Fertigkeiten verbessere.

Hach. Es könnte so einfach sein. Isses aber nicht.